Nr.52
29. November 2006 von Michael KumpfmüllerIn der heutigen Frankfurter Rundschau ein interessanter Artikel des Psychoanalytikers Martin Altmeyer über die Renaissance des Freud’schen Todestriebes und die Frage nach den Quellen des Hasses. Hat er “irgendwie” rationale Quellen, wie die weit verbreitete These vom Terrorismus als “Waffe des Schwachen” nahelegt, oder handelt es sich in Wahrheit um eine Rationalisierung? Sowohl als auch. Es gibt “Erfahrungen von Demütigung in Zeiten des Kolonialismus und Imperialmus”, die den Terrorististen zu der Überzeugung kommen lassen, seine mörderische Wut und sein Handeln seien gerechtfertigt. Aber womöglich ist es auch umgekehrt: Dass er seinem Gefühl der Erniedrigung auch deshalb verhaftet bleibt, weil er “Vergnügen am eigenen Hass” gefunden hat, dass er im Unterbewusstsein an seiner Kränkung festhält, um mit dem Morden weitermachen zu können (Frankfurter Rundschau, 29.11., S. 15). Damit, so Altmeyer, ist das Problem aber noch nicht erledigt, im Gegenteil: “Eine solche Unterstellung bedeutet für den Täter (…) eine weitere Kränkung, weil damit seine bewussten Motive für irrational erklärt werden. Ihm zu unterstellen, er habe ein unbewusstes Verlangen danach, sich gekränkt zu fühlen, um wütend sein zu dürfen, macht ihn noch wütender. Was aber wäre dann das eigentliche Motiv für den Hass?” Altmeyer zitiert Glucksmann (”Ich hasse, also bin ich”) und attestiert der westlichen Gesellschaft einen „fatalen“ Hang zur “einfühlsamen Ursachenforschung”, die in bester Absicht (aber eben zu unrecht) ökonomische Benachteiligung, soziales Elend oder kulturelle Demütigung für die Gewalt verantwortlich macht, die Täter freispricht und die Taten zum Produkt einer schweren Kindheit oder anderer ungünstiger Umstände erklärt. Die eigentliche Botschaft aber werde damit verfehlt: Es geht um das “Gefühl eigener Bedeutung”, dass sich im Medienzeitalter durch Gewalt mehr oder weniger automatisch erzeugen lasse – je mehr einer zerstöre, desto mehr Aufmerksamkeit bekomme er und also: “desto wichtiger fühle er sich.” Nach Belegen für diese These muss man dieser Tage nicht lange suchen. Warum ist es aber überhaupt so wichtig, wichtig zu sein (oder das, was man dafür hält)? Oder anders: Konnten sich die Menschen vor fünfzig oder meinetwegen hundert Jahren in ihrer Mehrheit “wichtiger” fühlen als heute (was ich bezweifele), oder ist das gesteigerte Wichtigkeitsbedürfnis Ausdruck einer aus dem Ruder gelaufenen Entwicklung fortschreitender Individualisierung (womit man am Ende wieder diesem zweifelhaften Kultupessimismus das Wort redet)? Warum sind die Leute eigentlich in einem fort beleidigt? Haben sie nichts Besseres zu tun?
