Zur Verhinderung des Endens
18. Juni 2007 von Saša StanišićIch werde mich hier radikal ehrlich irren. Ich werde mir hier mißtrauen. Ich werde betrunken meine Liebe zu einer Frau in Barcelona äußern, die ist gerade zu beschäftigt, um mich zurückzulieben, und die Äußerung werde ich zu einem universellen, literarisch verhandelbaren Thema erklären und es dann erklären. Vor lauter Authentizität wird nichts mehr authentisch sein. Überhaupt ist es so, dass ich am allerwenigsten mich selbst meine, wenn ich mich irre. Um mich unmittelbarer zu irren, werde ich wlan suchen in Europas Altstädten, das Notebook wie eine Wünschelrute schwenkend. In Deutschlands Provinzhotels werde ich frühstücken und hier den Orangensaft simulieren. Es wird fettgedruckte Irrtümer geben, der Adressat ist hier immer jeder und niemand. Wenn ich hier schreibe, meine ich zum Beispiel das Verhalten, das Blade zu Vampiren ausübt, mit seinem fetten Schwert. Ich werde meine Irrtümer auch auf Fotos festhalten, hier ist eine Nonne in Tel Aviv, sie badet ihre Füße:
Ich werde demnächst meine Blutgruppe herausfinden und sie hier dokumentieren. Falls mal was passiert. Ich werde einen HIV-Test machen. Ich werde am gleichen Tag endlich eine Haftpflichtversicherung abschließen. Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich noch nie eine Haftpflichtversicherung besessen habe, bekommen sie Mitleidsaugen. Das sind Reserveaugen, die haben wir alle. Apropos Mitleid, hier ist nochmal die Nonne in Tel Aviv, sie schaut hinaus aufs Meer:
Ich werde versuchen, jede Woche ein Gedicht hier zu schreiben. Das wird mein größter Irrtum werden, denn meine Gedichte sind von einer sehr miesen Qualität. Ich werde mir Geschichten über Niedersachsen ausdenken. Ach, Lüneburger Heide, ach, Schatten spendende Bäume am Wurmberg, Saft des magischen Realismus fließt aus euch, muss ich nur die Hände zu einer Schale schließen.
