Wessen Stoff bin ich?
6. Juli 2007 von Saša StanišićUrsula ist sehr, sehr schwach. Sie kocht Teewasser auf. “Zu heiß für Tee”, murmelt sie und legt sich hin. Ich packe meinen Notizblock weg und schalte die Herdplatte aus.
Ursula ist 94 und hat keine Beziehung zu iPhone.
“Haufenweise Tote”, murmelt sie, wenn Nachrichten kommen, auch dann, wenn plantschende Kinder in einem Stadtbrunnen gezeigt werden, “haufenweise Tote”, Rekordtemperaturen hier und dort, Ursula wiegt den Oberkörper.
Ursula ist nicht dement, nicht inkontinent, Schmerzen hat sie bloß vor einem Regen, sagt aber, “Eigentlich nicht, gehört sich aber so”, und zwinkert mir zu.
Ursula behauptet nicht, einmal eine schöne Frau gewesen zu sein oder ein glücklicher Mensch. “Auch du bist nicht besonders gutaussehend”, nimmt sie meine Hand, und einmal ist sie so eingeschlafen, glaube ich.
Heute Abend besuche ich Ursula zum letzten Mal, der Notizblock ist voll, das Theaterstück so gut wie fertig. Die deutsche Ursula in einem österreichischen Pflegeheim, “zum Glück bin ich hier keine Türkin, das wär ja gar nicht auszuhalten”. Der kleine Klavierspieler wird da sein, er wird wie jeden Freitagabend, “Grüß Gott, die Damen”, in die Runde rufen und sich ohne zu großen Pathos in die Liederstunde aufmachen. Ursula wird aufmerksam zuhören und sich kritisch äußern, sie wird die Hände im Schoß falten - oder auch nicht. Sie wird mitsingen: “Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit.”
