Mutters Geburtstag
16. Juli 2007 von Saša StanišićVater und ich sind zwei Mal ein Team gewesen,
an das erste Mal erinnere ich mich nicht mehr,
er erzählt davon, wenn ich ihn und Mutter besuche
und wir getrunken haben, familiär mäßig,
und andere Besucher mit den Steaks winken,
Salate bringen sie auch mit, unerträgliches amerikanisches Gemüse,
die so genannte französische Soße dazu.
Man dürfe Amerikaner nicht behandeln und verhandeln,
als seien sie so viel anders als wir Europäer,
auch das wiederholt Vater gelegentlich,
so sind Väter Wiederholungstäter,
meiner wendet das Fleisch auf dem Grill,
und früher habe ich ihm an der Tür zum Bad aufgelauert,
um der erste zu sein mit dem Kuß für seine
frischrasierte schöne Wange.
Das zweite Mal Team waren wir in den letzten Wochen:
in einem unerwarteten nächtlichen Telefonat teilte er mir mit
(normalerweise sprechen wir sonntags um vier):
es ist an der Zeit, dass du uns Geschenke machst,
jetzt wo du Geld verdienst,
wir fangen mit Mutters Geburtstag an.
Er habe heimlich Links gesammelt zu den Röcken,
die Mutter sich anschaut vorm Schlafengehen,
Sommerkleidchen auch, ob ich was zu schreiben habe:
www bluefly dot com, ja wie die Fliege.
Ich stöberte im Online-Shop,
die Marken hießen BCBGMAXAZRIA oder Ya Ya,
ich stieß auf einige sehr gut aussehende Models ,
was mich optimistisch stimmte.
Eine der Fragen, die sich mir bei ihrem Anblick stellte, war:
wie kurz darf der Rock sein, den ein Sohn seiner Mutter schenkt?
Ich habe zwei knielange Röcke gekauft und ein Sommerkleidchen
Mutter zum Geburtstag, und eine Handtasche, türkis und braun,
www forever21 dot com, und mit Vater habe ich gescherzt,
weil Mutter doch so eine kleine Frau ist.
Wir tauschten drei oder vier E-Mails aus,
in einer lagen einige Witze, einer geht so:
Zwei Angler stehen am Fluß
als über ihnen ein Trauerzug auf die Brücke biegt.
Da nimmt der eine seine Mütze ab und blickt dem Trauerzug hinterher.
Der andere verwundert:
“So viele Jahre treffen wir uns hier jeden Tag und angeln,
und noch nie habe ich so eine Emotionalität bei dir bemerkt.”
“Ich kann einfach nicht anders”, erwidert der erste,
“schließlich waren wir vierzig Jahre verheiratet.”
Schick mir die Tracking-Info, schreibt Vater unter dem Witz,
ich will die Pakete empfangen, falls sie heute delivert werden,
und sie verstecken bis Mutters Geburtstag;
wir sind ein Team zum zweiten Mal, Vater und ich,
1ZA2839E0340065824 und 1ZW639V80336773769,
aber es gelingt ihm nicht, die Pakete abzufangen,
die Post ist nicht ganz verläßlich vielleicht,
oder, wie er sagt: deine Mutter hat ein Näschen für so was.
Sie freut sich am Telefon, alles sehr schön, vielen Dank,
die Tasche bloß so groß,
und im Hintergrund ruft Vater: du so klein,
und einmal hat er im Garten einen Tisch lackiert,
ich war vier oder fünf und wir lebten nicht auf zwei Kontinenten,
ich saß nebenan auf dem Boden und
klopfte mit einem Hammer auf erregte Ameisen,
die Lacksüße in der Nase.
