Die Wette

26. Juli 2007 von Saša Stanišić

In meinem Kopf, da kann ich jederzeit das Bild malen wie ich mich unter meinem Kirschbaum ausruhe: ich, Kirschbaum, gucken. Das ist alles.

Im Frühherbst, was war das herrlich! Die Wiese riecht nach Wiese, die Bienen nach Kirchenglocken, ja. Ich habe mich ausgeruht, vom arbeiten gehen, vom denken gehen, vom leben gehen habe ich mich ausgeruht. Es gab bei uns in der Gegend überhaupt nur zwei Kirschen, eine neben der anderen, wie Schwestern. Und diese zweite, die Nachbarskirsche, die hat der Eva Lauber gehört. Die Eva ist rund achtzig Jahre jünger als ich, ein Mädchen quasi.

Eines Tages, und das ist jetzt der Anfang von der Anekdote, haben die Laubers Eva zu der Kirsche genommen. ‚Guck, Eva’, haben sie gesagt, ‚das ist deine Kirsche, hurra’, und Eva hat gesagt, dass sie Kirschen gern hat. Ein gut erzogenes Kind, aber das ist ja bei den Laubers so üblich mit der Erziehung, da stimmt einfach alles, hochmodern wie sie das handhaben. Ich habe Eva meinen Baum gezeigt und erzählt, die Kirschen sind die einzige Frucht, die man ernst nehmen kann. Da haben die Eltern aber gelacht, dabei war das gar kein Witz.

Die Kleine ist seitdem oft da gewesen. Ich habe mich ausgeruht, sie hat gespielt und vor sich hingebrabbelt, so einen Kinderblödsinn. Oder Moment, war das umgekehrt? Ich weiß jetzt gar nicht, wer gebrabbelt hat, naja jedenfalls, letzten Herbst war das, da sagt sie auf einmal: ‚Du-u, ich wette mit dir, dass mein Baum früher Kirschen hat als deiner!’

Ja, das war eine Überraschung für mich! Also die Kleine war nicht unbedingt sympathisch oder ein hübsches Kind, nein, aber gut, das war schon süß. Zwischen den Zaunlatten haben wir uns die Hand gegeben. ‚Gebongt’, hat sie gesagt. ‚Die Wette gilt’, habe ich gesagt, und so war das dann auch, und das Warten auf die Früchte begann.

Man kann jetzt nicht behaupten, Eva und ich sind über die Zeit Freunde geworden. Nein, das nicht. Wir haben nicht viel miteinander geredet, es ist ja so, dass alte Menschen und Kinder sich im Grunde nicht viel zu sagen haben, aber viele tun halt so. Miteinander gern spielen ist ja auch so eine Legende.

Einmal habe ich ihr eine Geschichte vorgelesen, da saß sie ganz still. Als ich fertig war, hat sie mich gefragt, warum ich denn keine eigenen Kinder oder Enkel habe. Woher wusste sie das bloß? Merkt man mir das an? Naja, seit da habe ich ihr dann nicht mehr vorgelesen, was soll das auch?

Mittags hat ihre Mutter sie immer abgeholt, mich mein Neffe, so ging das, und am nächsten Morgen saßen wir wieder da, und zwar jeden Tag ein bisschen früher, weil es gab schon auch einen Ehrgeiz, wessen Kirsche gewinnen wird, das will ich jetzt gar nicht schönreden. Nur am Wochenende, da kam die Kleine nie. Irgendwelche Ausflüge mit den Eltern standen auf dem Erziehungsprogramm, weil man ja mehr Zeit mit Kindern verbringen soll, das ist nachgewiesen, und die Kleine hat mir erzählt, sie geht da auch oft gern mit, jenachdem, also alles gut. Jedenfalls, da konnte ich schon ein bisschen auch beobachten an den Wochenenden, wie das ist, wenn man sich an etwas im Leben gewöhnt hat, das dann aber nicht immer zu haben ist, die Eva also.

An so einem Samstag ohne Eva bin ich zu den Bäumen raus, und was war: ihre Kirsche hat Früchte bekommen. Mein Gott! Also ich habe schon geguckt, das muss ich sagen. Aber ich habe nicht lange geguckt. Vielleicht fünf Minuten habe ich geguckt. Und dann bin ich über den Zaun geklettert und habe mit so einem, einem Stab habe ich die Kirschen von ihrem Baum weggemacht.

Und dann bin ich ins Dorf hinunter, und bei dem Weihenstephan, also bei seinem Sohn, hab ich drei Kilo Kirschen gekauft. Das war ja ein Profi, gute Kirschen waren das, immer höflich dem Weihenstephans sein Sohn, der Hans. Die Anekdote geht jetzt auch langsam zu Ende. Ja, ich bin zu meinem Kirschbaum zurück und habe die Kirschen von dem Weihenstephan eine nach der anderen, also paarweise, an die Zweige von meinem Baum gehängt, so am Stiel. Dann habe ich mich unter meinen Baum gesetzt und mich ein bisschen ausgeruht, ja, so war das.

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