Frankfurt, beschmiert mit Morgensonne

28. August 2007 von Saša Stanišić

Von Leipzig nach Iowa City mit Zwischenlandung und fünfstündigem Aufenthalt in Frankfurt am frühsten Morgen. An der University of Iowa drei Monate Teilnehmer des International Writing Programs mit Peter aus Kenia, wo es 46 verschiedene Sprachen gibt (Peter schreibt auf Englisch).

Ich sitze gerade im Java House, einem Café in Iowa City, in dem nichts aufdringlich anmutet und bis auf Cappuccino kein einziges mir bekanntes Getränk von der Karte so schmeckt wie gewohnt. Das macht mich so sehr glücklich, dass ich gluckse und winke.

Es soll aber hier erstmal um den denkwürdigen Zwischenstopp am Sonntagmorgen in Frankfurt gehen. Ich hatte fünf Stunden Aufenthalt, um sieben war ich in der Frankfurter Innenstadt, wo eine Taube vor einer Straßenabsperrung wartete und überall Menschen im Freien schliefen als wäre das super, was es auch ist. Die Spuren der Samstagnacht überall lesbar, Kotze, Müll, Pissgestank, die Lippen eines Pärchens, schwankend über die Zeil. Am Mainufer der Festrest: so viel Dreck, dass Vögel zwischen Pommes und Maiskolben glucksten und winkten, auch die Tauben, bis auf diese eine, die oben an der Straßenabsperrung wartete.

Und weil mich das alles sehr berührt hat, hier eine kleine Foto-Dokumentation und die unbedingte touristische Empfehlung: Frankfurt, Sonntagmorgen - “einen Umweg wert”. Die Sprache ist ja bekanntlich auch Lokalanästhetikum, dessen Wirkung von den bildenden Künsten verstärkt werden kann, theoretisch:

sprache

 

 

 

 

 

 

 

Alles ruht, alles ruht sich aus; der Schlaf der samstagschuldigen Stadt, und überhaupt der Schlaf auch als irgendwie insgesamt naturbelassener Ausdruck der Schönheit von Dingen, die nicht schnarchen können, aber so aussehen, als würden sie es trotzdem tun. Schnarchen macht sympathische Menschen noch sympathischer, warum sollte das mit Kränen anders sein:

kraene.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Bänken schliefen sie, in den Hauseingängen, in der U-Bahn, im Park:

schlaf1.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einem Bierzelt:

schlaf2.JPG

 

 

 

 

 

 

 

Auch die Plätze schliefen, lieferten - so in Morgenlicht eingeträumt und in sich gekehrt - den ästhetischsten Beweis, dass Deutschland mit Frankfurt die italienischste aller Städte Europas abzüglich Sizilien besitzt:

wieitalien.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Römerpflastersteinhaut - Morgensonnenschminke:

roemerleer.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die U-Bahn fuhr, aber kaum jemand fuhr U-Bahn:

ubahn2.JPG

ubahn5.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dann doch Menschen. Gar aus Fernost. Kein Jetlag erlaubt, Jetlag ist ein Zeitfresser, für Zeitfressen haben wir keine Zeit:

japaner3.JPG

japaner2.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nicht, dass hier der so bis zum Esgarnichtmehrhörenkönnen bekannte Eindruck von unseren japanischen Besuchern einfach stumpf wiederholt wird, die Typen würden ständig und irgendwie auch mit Nachdruck alles mögliche fotografieren -

japaner4.JPG

japaner1.JPG

 

 

 

 

 

 

- nein, die Frauen taten es auch:

japanerinnen.JPG

 

 

 

 

 

 

 

Und ich tat es ihnen gleich. Als Tourist reiste ich durch die Ergebnisse, die Fazite des Konsums ausgelassener, wahrscheinlich junger Wochenendmenschen; das war ihr Samstag, das war ihre Chance, und das Versprechen der Schlafgrenzenlosigkeit schwenkte sie an sozialen Ritualfäden durch die Nacht, wo man ja oft tieftraurig wird und unpolitisch, wenn man politisch war bzw. politisch, wenn man sonst kein so arger Nazi war, und eben auch sehr hungrig:

liebees.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Japaner und ich waren nicht die einzigen Irren in diesem Morgenland, auch Rentner trieb es eulenschläfrig hinaus; sie wanderten umher, fuhren langsam auf ihren Fahrrädern und sahen sich den Müll an und der Müll war ihnen gleichgültig, denn überall schmierte die Sonne sich auf die Straßen, glich alle Sorgen aus, allen Dreck. Es gibt nichts Stilleres als Morgensonne und nichts gibt es Saubereres, außer vielleicht dem Gewissen von Neugeborenen. Man lasse mir bitte diesen Vergleich, er macht mich tief zufrieden und eins mit dem Universum, und wir erinnern uns auch:

sprache

 

 

 

 

 

 

 

Wie auch immer:

fahrrad.JPG

 

 

 

 

 

 

 

Am frühen Morgen sind Männer am schwerwiegendsten Männer. Der Blick auf ein Gewässer, Fischbrötchen und diese melancholisch stimmende Lebenslast, die ausschließlich mit dem eigenen Geschlecht zu tun hat und mit den immerwährenden Versuchen, unter diesem Geschlecht und diversen Ohnmächten nicht sehr zusammenzubrechen, sich nicht vollends im Nichts aufzulösen. Hat man aber durchgemacht, kann man am Morgen nicht mehr zusammenbrechen: noch schweigt die Welt, noch verlangt sie keine Lösungen, stellt keine Forderungen. Das einzige Ultimatum stellt man sich selbst, und das Ergebnis sieht gut aus: weitermachen. In aller Ruhe schließen wir Männer dann Freundschaften, deren potentielle Ewigkeit so greifbar scheint wie es die Hand des anderen Mannes auf der Bank neben uns wirklich ist:

maenner.JPG

 

 

 

 

 

 

 

Oder, um es mit einem Blick auf Goethes Blick zu zeigen:

goethe.JPG

 

 

 

 

 

 

 

Falls das Goethe ist. Ja, und hier zum Schluss, weil alle immer denken, der Saša erzählt viel, wenn der Tag, bzw. der Morgen lang ist,  haha, - die Taube. Dieser hocheuropäische Vogel, der vor der Absperrung wartet, und wenn sie die Absperrung nicht aufgesperrt haben, dann, ja dann wartet er noch heute (mein Beitrag zu der Debatte, wie viel Realität die Fiktion braucht):

bravetaube.JPG

5 Reaktionen zu “Frankfurt, beschmiert mit Morgensonne”

  1. tibits

    Kam hier noch niemand auf die Idee dich zu loben, dich zu preisen, dich lobzupreisen? Wobei, mir ist bewusst, du bist nicht Gott, oder ja, eigentlich schon, aber das zu erklären ist schwierig. ;o)

    Es denken sich ja wirklich alle, der Sasa, der erzählt viel wenn der Tag oder der Morgen lang ist, aber das ist ja nicht weiter schlimm - solange er erzählt, ist es gut.

    Viel Spaß in Iowa City und mehr Ausflippen wünscht dir

    glucksend und winkend,

    die Ly :o )

  2. Saša Stanišić

    der text oben sieht mit dem opera-browser schlecht aus - eine layout-zerschossenheit ist da zu erleben; ich würde es gern ändern, wenn ich wüsste wie. wahrscheinlich wäre das gleich die dritte oder die vierte sache, die ich anstellen würde, wäre ich wirklich allmächtig.

  3. tibits

    Mhm, das wäre vermutlich auch mein Ansatz, wenn ich allmächtig wäre.

    Ich arbeite ja auch mit WordPress und ohne AddOns für Bilder ist das nicht wirklich gut zu verwalten. Deshalb habe ich die Bilder derzeit auf ipernity.com ausgelagert und binde immer nur ein oder zwei kleine verlinkte Bildchen in den Text ein. Zumindest so lange, bis ich eine einfachere Methode gefunden habe die in allen Browsern funktioniert.

  4. la panthera

    Apotheose füttert das Selbstwertgefühl. Das ist schön. Andererseits verklebt sie die ewig schwankende Kreativität. Das ist nicht schön. Deshalb auch noch Futter für Letzteres. Oder so. Denn es ist wahr: Das wirklich Typische europäischer Großstädte sind inzwischen zoomende Asiaten. Eine ähnliche Erfahrung, wenn auch anderswo, anderswann und von anderswem, immerhin aber zu einer grob ähnlichen Tageszeit:
    Es war Juli damals und es war Rom. Es war der Sonntag, an dem der Bus mit der Endhaltestelle „Piazza Thorvaldsen“ im Frontdisplay nach zwei Stationen vor einer unbekannten Porta anhielt und den Busfahrer aussteigen ließ, weil Sonntags nur eine Teilstrecke bedient wird. Es war auch der Sonntag, an dem eine kurzstielige Rose auf dem Waschbecken einer öffentlichen Toilette stand. Das Licht war blau, die Rose deshalb fast schwarz, ihr Wasser in den abgeschnittenen unteren Teil einer Plastikflasche gefüllt. Und dann, und das ist ja das eigentlich Interessante in Bezug auf obige Beobachtungen, war es auch noch der Sonntag, an dem mehrere asiatische Reisegruppen gleichzeitig durch den Frühstückssaal diffundierten und kontinentale Marmeladenplastikschälchen verglichen. Eine Asiatin im Speziellen zoomte gerührtes Eigelb auf weißem Porzellan vor sich auf dem Tisch näher heran und dann wieder weiter weg – Frühstück in Europa, so sieht das also aus, weiß und gelb und verquirlt. Zwei Europäer beobachteten, wie die Nicht-Europäerin das Frühstücksei beobachtete, und vermutlich wurden sie dabei wiederum von Europäern und Nicht-Europäern beobachtet, vielleicht sogar herangezoomt und fotografiert. Nicht im Frühstückssaal waren an diesem Sonntagmorgen Leute, die sich gegenseitig beim sich-gegenseitig-fotografieren fotografierten. Die saßen erst nachmittags neben Vögeln, nicht Tauben, in der Villa Borghese.

    So far…

    P.ß.: http://www.handelsblatt.com/news/Journal/Vermischtes/_pv/_p/204493/_t/ft/_b/1271461/default.aspx/das-grosse-ss-kommt.html

  5. Saša Stanišić

    ach das freut mich ja auch sehr für das ß. eß kommt endlich zu seinem recht.

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


WordPress database error: [Table './literatur_wp/wp_ss_stats' is marked as crashed and should be repaired]
INSERT INTO wp_ss_stats (remote_ip,country,language,domain,referer,resource,platform,browser,version,dt) VALUES ('38.107.191.101','','en-us','','','/archiv/189','','Crawler/Search Engine','',1284037884)