Nr.51
26. November 2006 von Michael KumpfmüllerBei den wirklich schrecklichen Meldungen handelt es sich nicht um Geschichten, sondern um nackte Zahlen, Statistiken des Todes, der aus irgendwelchen Gründen meistens die Menschen in fernen Ländern trifft. Deshalb redet hierzulande auch kaum einer davon, zum Beispiel von der Immunschwächekrankheit AIDS. Vor zwanzig Jahren (lange her) hat uns das alle schrecklich aufgeregt, obwohl es anfangs vor allem die Schwulen zu betreffen schien. AIDS, na klar, in den komischen Achtzigern, da gab es im Fernsehen doch diese ganzen Spots, lustige Geschichten von jungen Männern, die in einem Supermarkt ein Kondom kaufen, und die nette Verkäuferin weiß den Preis nicht und brüllt ganz ungerührt durch den rappelvollen Laden: Was kosten nochmal die Präservative? Ziemlich lange her, irgendwie Geschichte, nicht wahr? Leider ganz und gar nicht. Auch in Deutschland, meldet die Braunschweiger Zeitung dieser Tage, gibt es noch immer neue AIDS-Fälle, im ersten Halbjahr 2006 an die 1200. Das ist noch immer viel, sagen Experten, aber nichts, wenn man die globalen Zahlen betrachtet. Weltweit 2,9 Millionen AIDS-Tote allein 2006 ist so eine nackte Zahl (das sind fünf Sechstel der Bevölkerung Berlins), die anderen sind nicht besser: 4,3 Millionen Menschen haben sich im vergangenen Jahr neu mit dem HIV-Virus angesteckt, was in der Summe knapp 40 Millionen Infizierte weltweit ergibt (so viele wie nie), davon fast 50 Prozent Frauen und weit über die Hälfte in der südlichen Sahara. Seltsam, dass das hierzulande niemanden groß aufregt. In Deutschland sind die Leute doch dauernd wegen irgendetwas empört und außer sich. Hat man je von der Empörung der Bevölkerung des südlichen Afrikas gehört? Leider nein. Sie hätte allen Grund dazu. Aber wahrscheinlich ist die Empörung so etwas wie ein Fernseher mit Plasmabildschirm, also der reine Luxus. Wer noch immer (fast) alles hat, leistet sich eben auch hie und da einen kleinen Wutanfall, während die Habenichts im südlichen Afrika über ihr wahres Unglück wahrscheinlich nur staunen und rätseln, woher es eigentlich kommt. Eine der vielen Antworten lautet noch immer: Aus Rom. Dort hält man bis heute die Enthaltsamkeit für das beste Mittel gegen AIDS. (Wieviele Tote hat es seither gegeben?) Angeblich denkt der neue Papst ja nach, in Sachen Kondome eine liberalere Haltung einzunehmen. In einem 200-Seiten-Dokument nur über das Kondom (!) werden offenbar zwei Ausnahmen vom geltenden Verbot erwogen: bei verheirateten Paaren und bei Pandemien. Ist das etwa nichts?, sagen jetzt die Beschwichtiger. Es ist tatsächlich so gut wie nichts. Der außereheliche Geschlechtsverkehr bleibt eine Sünde, Sexulität und Tod bleiben Geschwister. Auch 500 Jahre nach dem Ende des Mittelalters könnte die Botschaft des Vatikans unbarmherziger nicht sein: Ihr kümmert euch um unsere Gebote nicht? Nun denn. So kümmert uns auch euer Sterben nicht.
