Rattenberg, 1852
12. Oktober 2007 von Saša StanišićIm Dämmerlicht zweier Kerzen,
Mann und Junge,
stecken sie die Köpfe zusammen
über einem kleinen Tisch
Geliebte, ihre schönen Augenbrauen zu gleichen Bögen geschwungen.
Dort brennt im Kamin das Buchenholz.
Über dem Feuer hängt der Kochtopf.
Das dort sind Stiefel, das ist die Axt – das wird angezogen, das geschultert.
Rattenberg, Tirol, Einwohnerzahl: 700.
Nichts geschieht hier,
gelegentlich schlägt man sich beim Pranglwirt müde,
gelegentlich tobt der Fuchs im Hühnerstall,
gelegentlich wandert einer nach Amerika aus,
und am Sonntag hat der Hagel ein Kalb totgeschlagen,
so ein schwaches Kalb hat das Leben eh nicht verdient.
Der Junge schenkt Brandwein nach, der Mann trinkt Brandwein,
sein Rücken ein Handwerk, der Alkohol selbstgebrannt,
durch die Türritze pfeift die Nacht,
Ruhe,
befiehlt der Mann.
Frauengeruch wäre jetzt gut,
eine Bruderhassliebe,
ein alter Hund
und Großeltern, mosernd und marode.
Der Mann steht auf,
steigt in seine Stiefel, setzt seine Mütze auf, schultert die Axt
und geht hinaus in die Nacht,
um etwas Altes zu fällen
und dem Scheißfuchs den Hals umzudrehen,
damit die Hühner wieder schlafen können.

Am 14. Oktober 2007 um 19:45 Uhr
Und so fuhr ich zurück ins Auenland. Es war nachts, gegen ein Uhr, als mein dampfender Motor - wider den Augenschein - einen Zustand fester Konsistenz angenommen hatte.
Am kommenden Tag rief ich den Kfz-Meister meines Vertrauens und sagte, „Meister! Ich brauche ein neues benutztes Mobil, ähnlich dem letzten - im Wert meiner Schuhe“. Großmutter hatte immer gesagt: „Kind“ hatte sie gesagt, „an Schuhen sollst Du niemals sparen!“.
Einen Tag später rief der Vertraute zurück: „Ich habe eines zum Preis von einem Schuh, die Bremsen werd ich Dir noch richten müssen,.. dafür kannst Du noch drei Hühner und einen Fuchsschwanz drauflegen.“ „Oh Meister“, sprach es aus mir: „Es gibt keinen Hühnerstall mehr, seither sind auch die Fuchsschwänze rar. Vater hat nur noch zwei Karpfenteiche.“ „Dann bring zwei Hechte und einen Stör!“
Zu dem neuen Gefährt erhielt ich vom Meister einen ins Schloss passenden Schlüssel. An diesem aber hing ein ganz wundervoll klarsichtiges Polyvinylchloridrähmchen, in dem sich vorder- wie rückseitig eine ganz klar und kleiderlos, in Öl geriebene Frau rekelte. Den schönen Hintern prominent geregt. „Au, fein“, dachte ich, und verstaute die Anhänglichkeit aus konservatorischen Gründen in meinem Schuhkarton.
Ich schreibe das Jahr 2152.
Ich rufe meine 18 bis 52 Ururenkel zusammen und sage: „Meine Lieben! Ich wollte schon längst, -aber jetzt wird es wirklich Zeit für mich zu gehen. Bevor ich die Welt verlasse, möchte ich euch noch ein kleines Vermögen offenbaren. Es befindet sich in dieser Kiste. Ihr müsst damit zum Antiquar hier bei uns im Auenland. Wenn der Alte euch nicht wenigstens einen Fuchspelz dafür vermacht, - geht in die nahe gelegene Stadt, begebt Euch direkt ins Museum, geht nicht über Los, fragt nach dem Spezialisten für „Accessoires und Darstellungen der Schöpfung im 21. Jahrhundert“ und Euer Glück ist gemacht!“