Naturidentische Aromen

22. Oktober 2007 von Saša Stanišić

Nachdem du in der Sonne sportlich aktiv wurdest, schmeckten deine Oberarme nach Huhn in Meerrettichsoße.

°~°

Ich glaube, der Autor muss nach wie vor die Fähigkeit und damit die Qualität besitzen, emotional zu bewegen, Tränen, Lachen, was auch immer.

°~°

Tropenkoller als fruchtbarster sozialer Zustand, um zu schreiben.

°~°

Lisa und ich entdeckten, dass unser Sex am ertragreichsten war, nachdem wir in einer Mensa gegessen hatten. Schulmensa, Uni-Mensa, Betriebscafeteria, ganz egal, Hauptsache warme Plastiktabletts und vegetarisch als dritte Wahlspeise. Wir aßen mit Sechstklässlern im Schiller-Gymnasium, wir fuhren mit der Staßenbahn an den Stadtrand wegen der Champignonsuppe mit Meerrettich in der SAP-Cafeteria. Meerrettich machte Lisa wilder. Am Ende des Jahres besaßen wir zweiunddreißig verschiedene Mensakarten (sie besaß dreiunddreißig, aber ich bin kein besonders eifersüchtiger Mann) und Lisa hatte sich für Romanistik eingeschrieben, damit wir die studentischen Vergünstigungen in Anspruch nehmen konnten.

Weihnachten 2004 hatten wir eine ganze Stunde vor den Online-Menüplänen verbracht, bevor wir uns für ein Mittagessen in der Mensa der Universitätsklinik entscheiden konnten. Weihnachten erhöhte weder die Auswahl, noch die Qualität der Speisen, aber es war ein Tag, an dem man mit Bedacht aß und unbedacht poppte. Meerrettich war leider nirgendwo dabei.

Am Abend öffnete ich meine Geschenke. Für einen Augenblick fühlte ich mich komisch als ich durch das Fenster in das besinnlich dekorierte Wohnzimmer unserer Nachbarn und in ihre Familienfreude sehen konnte. Ich war nackt bis auf Knieschoner.

Lisa kannte mich inzwischen so gut, dass sie wußte, mir macht man mit Kleidung oder Büchern oder Filmen oder Küchenutensilien keine Freude. Sie schenkte mir (uns) fünf neue Mensakarten. Schlüssel zu fantastischen Orten, von denen ich nicht einmal wußte, dass sie eine Mensa besaßen, darunter eine Schönheitsklinik. Ich freute mich, als hätte sie mir eine Halsstraffung durch Liposuction geschenkt (der Hautsack unter meinem Kinn war immer schon meine primäre Problemzone). Dann machte sie ihre Geschenke auf. Das erste kann ich hier nicht nennen. Das zweite war ein Kochbuch. Lisa sah mich entgeistert an. Sie versuchte ihre Enttäuschung gar nicht erst zu verstecken und machte das Fenster auf, um das Buch in Dezembers ungemütliche Gewohnheiten hinauszuschleudern.

Halt!

Ein Kochbuch, Mann. Ganz schlechter Witz.

Wart doch! Machs auf!

Oh Gott! Das sind ja …

Ja …

Das sind … Ich fass es nicht, das müssen ja mindestens fünfzig …

Achtundsiebzig. Unser Geburtsjahr.

Ooh!

Alles dabei, Berlin, guck, das ist Greifswald, warst du mal in Greifswald? Und hier, das ist die Krönung …

ROM!

La Sapienza, Baby. Damit du endlich die Romanistik anwenden kannst.

Und dann geschah etwas, was wir sonst nie zuließen: wir umarmten uns und machten sofort starken Kaffee, um uns bis tief in die Nacht Anekdoten aus unseren Kindheiten erzählen zu können.

9 Reaktionen zu “Naturidentische Aromen”

  1. enibas

    Meerrettich,
    hm,
    den mochte ich noch nie so
    wirklich,
    überlagert(e) immer den Rest der (Mensa-)Kulinarika,
    vielleicht hab ich deshalb auch noch nie in einem Sportgeschäft nach Schonern verlangt(?),
    hm.

    In Menasses letztem Roman findet sich ein ebenbürtiger Meerrettichexkurs, indem er
    verschärft erklärt,
    dass schon die alten Griechen drauf abgegangen sind..

    Naturidentische Grüße!
    Eine Jahrgangsgenossin

    Ps. Das ist jetzt keine direkte Buchempfehlung, nur wenn man in den Tropen sitzt
    oder sinnfreies Unterhaltensein vonnöten ist.

    Pps. Und ja, der Hautsack unterm Kinn muss weg. Sonst starren die Babys nicht,
    nicht in ROM!
    und
    nicht auf dem Arm, wie wir erst kürzlich gelernt haben..

    (Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Babys heutzutage keine Zeitungen mehr lesen! - die ja nur von hautsackfreien Menschen geschrieben und mit sackfreie Menschen bebildert werden. Sicher! Wenn sie sich schon an all den anhangfreien Menschen in all den Tages- und Wochenblättern übersehen hätten, würden sie sich genüßlich an den unzulänglichen Eigenheiten einer nun - in Anbetracht von Liposuction - verschwindend geringen Masse visuell vergehen. So aber, mit diesem nichtlesewilligen Babynachwuchs wird Herr Grammer Recht behalten.)

  2. tibits

    Mir ist bewusst, dass deine Tags (fast) immer etwas bedeuten, aber wo und warum wurde die österreichische Fahne runtergenommen? Ich finde es jedenfalls zu Tränen rührend, dass dabei ein Stück von dir starb. Zumindest hast du es wieder einmal geschafft mich zum Weinen zu bringen, auch wenn ich schon vor ewiger Zeit Österreich ein bisschen den Rücken gekehrt habe und ich eigentlich keinem Land angehören möchte, außer Europa oder noch besser der Welt. Ich hätte so gerne einen Weltpass in dem steht, Nationalität Erde.

  3. Saša Stanišić

    liebe tibits, das ist ein zitat. die gute trapp-familie. der vater. georg. patriot. dann aber die nazis. und runter mit der fahne. georg: ein stück von mir starb. so ist das.

  4. knack

    Bedeutet Meerrettich vielleicht eigentlich mehr Rettich? Nur ein frühgermanistischer Übersetzungsfehler? Und war “mehr Rettich” in vergangenen Zeiten eine Aufforderung zum Sex, die leider über die Jahre an Bedeutung verloren hat? Weshalb Lisa, durch ein altes Familiengeheimnis der Vergangenheit verpflichtet, diesen Ausspruch verinnerlicht hat? Nur so eine Idee…

  5. Saša Stanišić

    “mehr rettich” als aufforderung zum sex? das könnte man wieder in die sprache einpflegen.

    im übrigen habe ich, wie immer in schwierigen lebenslagen, wikipedia nach rat befragt:

    “Nach Heinrich Marzell bedeutet der Name „der über das Meer zu uns gekommene Rettich“. Ein Hinweis auf diese Deutung sei auch die Tatsache, dass Meerrettich an Meeresküsten wachse. Die Meinung, dass Meerrettich aus Mährrettich (von Mähre = altes Pferd) entstanden sei (so in Adelung) und so dem englischen horse-radish bzw. dem französischen radis de cheval entspräche, hält Marzell für eine oft vorkommende „gelehrte Volksetymologie“. Der etymologische Duden vertritt dagegen die Meinung, dass die eigentliche Wortbedeutung wahrscheinlich lediglich einen „größeren Rettich“ bezeichnet und die u. a. von Marzell vertretene Meinung eine spätere Umdeutung darstellt. Hierzu ist zu bemerken, dass Marzell in seiner Arbeit (1943) aus verständlichen Gründen das Volksetymologische wohl zu stark gewichtet hat – die Bedeutung von mehr im Sinne von „stark“ oder „groß“ ist seit dem Mittelhochdeutschen fast ganz verschwunden (heute nur noch in Wendungen wie „mehr Verkehr“ so verwendbar). Daher war eine Umdeutung zwecks Plausibilität naheliegend. Das in Österreich und Süddeutschland verwendete Wort „Kren“ (für Meerrettich) ist ein Lehnwort aus dem slawischen Sprachraum, wo es seine Entsprechung findet.”

  6. la panthera

    Hm. Ob mit oder ohne Mee/hrrettich, wenn Mensaessen bei mir jemals eine Gefühlsregung erzeugt, dann die unendlicher Langeweile vermischt mit tiefer Traurigkeit. Vielleicht war ich in den falschen Mensen.

    Und, achja, erfolgreicher Sex, noch erfolgreicherer Sex,… Gibt es eine Effizienzskala fürs Poppen? Wenn ja: Besetzt mit welchen Variablen? Würd mich mal interessieren.

  7. Saša Stanišić

    Ich weiß es nicht. Und meine Figuren fallen auf diese Frage hin in eine Riesenleerstelle. Traurigkeit erscheint mir jedenfalls als eine potente Antriebsemotion. Langeweile als Grundlage zum Einfallsreichtum.

  8. tibits

    Oh, Trapp. Habe ich zu meiner Schande nie gesehen, hätte es mir aber angesehen bevor ich nach Graz gefahren wäre, die Premiere deines Stückes zu sehen, hätte mir Graz nicht bereits vergangenen Sommer geschrieben, dass es für die Premiere nur noch Karten ganz hinten gibt und ich doch so liebend gerne Vorne sitze. Aber nun tja, möglicherweise sehe ich mir die Trapps doch noch einmal an, auch wenn ich die Premiere nicht sehen werde.

  9. duda

    TV-Tip zum Thema: http://www.prosieben.de/service/tvprogramm/popup.php?action=onDetail&id=10671188 - nur auf erotisierende Wirkung wird nicht getestet, aber vielleicht kann man die aus den Durchschnittswerten von Aroma, Ambiente und Preis-Leistungsverhältnis ableiten. Futter für die Statistiker.

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