moon patrol
31. Oktober 2007 von Saša Stanišićvor vielen jahren
wir hatten noch die geschwungene treppe zum obergeschoß
ich wollte mir wie das so ist
bloß etwas aus der küche holen
etwas süßes wahrscheinlich weil ich
nie lernte und ein computerspiel spielte
das sich moon patrol nannte
man ist ein vehikel auf dem mond
und muss natürlich dort und dahin
der weg ist voller feinde
krater in die man besser nicht fällt
und eine musik die vergißt du nie
aber auf halber geschwungener treppe blieb ich stehen
meine mutter weinte im wohnzimmer sie war am telefon
und eine mutter die so weint die vergißt du auch nie
ich weiß es wieder es war
milch kalte milch
die ich mir nach oben in mein zimmer
holen wollte und es war eigentlich die zeit
zum schlafen nicht zum weinen mama
nicht zum spielen
du staunst vater tröstet sonst
was ist wenn es aber vater ist der
enttäuscht hat so enttäuscht
die frau die andere frau ist oft da sie ist eine freundin
du grüßt die nicht extra wenn sie zum kaffee kommt
mit langem haar sie spielt computer nicht
frauen patrouillieren vielleicht auch
ungern in einem kleinen orangefarbenen jeep
auf dem mond springen nicht gern
über krater
minen
schießen nicht so gern auf
jene die es auf deinen mond abgesehen haben
sie weinen und wissen nicht was sie tun sollen als nächstes
ich habe mir die milch nicht eingeschenkt
drei sachen machen den unterschied zwischen
sehr klein und schon groß
von einer sekunde auf die nächste den konzept des verschwindens wegen tod begreifen
alleine auf die toilette gehen können und wollen
wenn uns danach ist den kühlschrank öffnen und die milch holen
alles später ein kinderspiel im leben
auch moon patrol hatte ein schwieriges level
oh mann ich erinnere mich wirklich noch
es war das level “j”
die level waren buchstaben gewonnen hast du am ende des alphabets
ich saß da auf der geschwungenen treppe
und das level “j” sind
nur löcher und minen immer in derselben reihenfolge und abstand
und vielleicht wußte meine mutter dass ich da sitze
wie sie auch wußte dass mich kalte milch
vorm schlafengehen glücklich macht
und immer dafür sorgte dass welche da war
unten in der kühlschranktür.

Am 1. November 2007 um 00:35 Uhr
ich habe manchmal darüber nachgedacht, welches bild ich für dich stehlen würde
für die
farbigen allegorien der tauben kanonen, naturkatastrophen
oder
mentalen kälte in kleinen teichen oder bösen worten
wollte ich für dich eine zeitlang in berlin das proverbs-gemälde bruegels entwenden
für die naturnahen bis elementaren sequenzen habe ich mich zuweilen nach wien gemacht, um dem belevedere eibels bild vom lesenden mädchen zu entlehnen
heute aber mag ich das bild,
dass deine Figuren in mir erinnern,
nicht unter deinen weihnachtsbaum legen,
nicht,
weil es großformatig in einem schönen grazer cafe hängt,
sondern,
weil es die einsamste, traurigste und verlorendste frau im universum zeigt
nie sah ich ein bild,
das mich so tief in seine seele sog und mich dabei so verzweifelt ob meiner hilflosigkeit machte
gut, dass noch milch im kühlschrank ist