Nr.49
22. November 2006 von Michael KumpfmüllerNach dem Amoklauf in einer Realschule in Emsdetten fordert die CDU ein Verbot von sogenannten Killer-Spielen. In der Süddeutschen Zeitung analysiert Ijoma Mangold, warum dergleichen Reaktion Ausdruck von Hilfslosigkeit sind. “Nach schrecklichen Gewaltvorfällen fassen Gesellschaften wieder Hoffnung, indem sie sich selbst Taten versprechen: Es muss gehandelt werden! Damit diese Handlungen zielgerichtet sind, müssen Ursachen identifiziert werden, die innerhalb der Gesellschaft liegen, weil nur auf diese die Gesellschaft Einfluss nehmen kann.” Dabei handele es sich aber um eine Illusion, „nämlich der Illusion, die verstörende Gewalt sei etwas Unnatürliches, Ausfluss von gesellschaflichen Fehlentwicklungen, denen man gegensteuern müsse, um solche Gewalttaten künftig zu verhindern. Dabei ist es doch eher umgekehrt: Unser furchtbares Erschrecken bei jedem Amoklauf rührt daher, dass wir uns insgeheim wundern, warum so etwas nicht öfter passiert. In Wahrheit ahnen wir, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass es der Gesellschaft in den meisten Fällen gelingt, das, was die Griechen Thymos nennen, also den Urtrieb des Menschen nach Ruhm, nach Anerkennung der eigenen Person, in seiner enormen Energie und Gewalt einigermaßen zu domestizieren.” Entsprechend handelt es sich für Mangold beim Amokläufer nicht etwa um ein Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern um jemanden, der “an den mildtätigen Intergrationsangeboten der Gesellschaft” kein “Genügen” findet und sich für eine Form von “negativem Ruhm” entscheidet, den “rücksichtslosen Versuch”, Aufmerksamkeit und Prominenz mit Gewalt herbeizuführen. Diese Ressource ist aber in jeder Gesellschaft knapp. Die Gesellschaft könne immer nur an die Wenigen, nie an die Vielen Ruhm, Anerkennung und Aufmerksamkeit verteilen. “Sie muss also sicherstellen, dass sich die anderen, die Vielen, damit abfinden, wenn ihr Leben im Schatten vorübergeht”, und zugleich “Wege der Durchlässigkeit” schaffen. “Früher, in stark hierarchisch organisierten Gesellschaften, war es klar, dass nur Personen von Rang ein Recht auf Ruhm und Aufmerksamkeit hatten. Wer nicht dazugehörte und trotzdem ein Bedürfnis nach Ich-Steigerung hatte, dem boten sich verschiedene Möglichkeiten: Er konnte den Heldentod in der Schlacht suchen. Oder er wurde zum Abenteurer (…) Oder er ging zur Fremdenlegion, wo es eine institutionalisierte Dosis aus kleinem Ruhm und heldischer Gefahr gab.” Solche Angebote könnten moderne Gesellschaften ihren Bürgern nun allerdings nicht mehr machen, auch weil die Probleme ganz andere sind. “An die Stelle der hierarchischen, ständischen Schichtung ist nämlich die Zweiteilung getreten in jene, die auf dem Bildschirm zu sehen sind, und jene, die davor sitzen. Und weil die Gesellschaft weiß, dass sie niemandem zumuten kann, ewig nur vom Fernsehsessel aus die Welt der Prominenten zu beobachten”, suche (und finde) sie mit den unzähligen Kandidaten-, Talk- und Castingshows nach ausgleichenden Wegen, “um die Vielen am Glanz der Wenigen, an deren Aufmerksamkeitsmonopol”, teilnehmen zu lassen. Dass ein pathologischer Narziss sich damit nicht begnügen will, bedeutet sogesehen nicht viel. Die gesellschaftliche Arbeit findet statt und ist richtig, auch wenn sie Ergebnis eines unwiederbringlichen Verlustes ist, wie Ijoma Mongolds schönes Postskriptum zeigt: “Die christliche Antwort auf das Gewaltpotential des Thymos lautete übrigens: Demut. Demut meint nichts anderes, als der herben Realität des eigenen Zwergentums ohne Aufmucken ins Auge zu blicken. Aber natürlich war die Demut an ein Sanktionskonzept gebunden, das nur durch Androhung herber Jenseitsstrafen einigermaßen plausibilisiert werden konnte.”
