Privatsphäre beim Porno-Gucken | Hofheim

1. Dezember 2007 von Saša Stanišić

Es ist ja hinlänglich bekannt, und Maxim Biller hat es gestern Abend – viertagbärtig wie immer – auch noch mal nicht unbetont ge- und belassen, dass jemand, der ein Buch geschrieben hat in einer Zeit mit all diesen anderen ebenfalls hinlänglich bekannten medialen, digitalen und diversen weiteren –alen Ablenkungen und dann auch noch ohne die Gruppe 47 als Talentfähigkeit und biografische Betreuung, dass der also sich selbst Gruppe 47 werden muss, will sagen sehr viel Glück haben muss, um mit einer Aufmerksamkeit betrieben zu werden, die er zum Beispiel braucht, um, wie einst Hera Lind, Stadtbüchereien hessischer Kleinstädte zum Aus allen Nähten Platzen zu bringen. Auf meine Frage, wie viele Einwohner Hofheim habe, antwortet der erste Taxi-Fahrer, 40 000, bei dem zweiten sind es schon 60 000, und der dritte lässt noch mal doppelt so viele herziehen und sagt: „Ein richtiges Städtchen!“

Quasi-Porno im Frühstücksfernsehen, es ist gerade mal neun Uhr als die schwarz bekleidete Dame sich rittlings auf den noch schlafenden Herren wirft, man ahnt gleich, da ist kein Mundgeruch im Spiel, und das Liebesglück musste hart erarbeitet werden, gegen Intrigen und Verschlagenheiten eifersüchtiger Ex-Beziehungen.

Der Flachbildfernseher fügt sich devot in die Zimmerlandschaft, es ist als gehöre er dahin, was nicht selbstverständlich ist, stehen doch die Einrichtungen mancher Hotels, mitsamt abgegriffener Minibar-Griffe und rückhaltloser geschlechtlicher Patina zahlreicher Vertreterreisenden auf allen Dingen, häufig in auffälliger Opposition zu den sterilen Flachbildschirmen und einer noch gänzlich unöligen Fernbedienung. Die sattrote Gardine lässt sich fast geräuschlos zuziehen, aber fast will man sich des Blicks nicht verwehren: draußen bekomplimentieren sich nämlich der Taunuser Wald und der Taunuser Nebel, nachdem sich dieser, der Nebel, auf jenen, den Wald, rittlings, jedoch erheblich langsamer als die leicht bekleidete Dame, gesetzt hat.

3 Reaktionen zu “Privatsphäre beim Porno-Gucken | Hofheim”

  1. enibas

    über die leere und ihre nichtnachweisbarkeit

    herr kapielski lass
    in einer der letzten wochen
    hier bei uns
    trotz 12fach hofheimscher einwohnerschaft
    vor 14 hörern
    (davon vermutlich sieben kunsthausabhängige)
    aus seinen wasauchimmer
    [zum thema autorenschaft als genre (mit freundlichen grüßen an mr.shandy)]

    hier in erinnerte Form
    also wie immer beim abrufen von erfahrenem und der zeit
    anders, verschwommen, verschoben, verbogen, verlogen
    und wahr

    einst wurde er dazu eingeladen
    eines - ein beliebiges - seiner werke nach london zu einer ausstellung zu versenden
    das besondere jener veranstaltung
    die werke verschiedener geistiger oder anderer größen sollten einen winter lang
    im vollkommenen dunkel (zu sehen) sein
    seine erste überlegung
    sein kühlschrank könne einen ortswechsel vertragen
    er getrost während dieser zeit auf ihn verzichten
    seine zweite überlegung
    die beleuchtungsfunktion des gerätes umkehren
    in einer ausstellung voller nichtsichtbarer objekte
    etwas sichtbar machen
    was niemand sehen könne
    was zudem völlig unnachweisbar wäre
    es sei denn
    man würde
    - glücklich der trägheitsbedingten unmöglichkeit -
    eine kühlschranktür mit überlichtgeschwindigkeit aufreißen

    soweit
    zum verborgenen der weiten weißen welt
    ihrer kälte
    die sich aus ihrer nichtwahrnehmbarkeit speist
    und
    zur zeit

    liegt alles im dunkel

    grüße an marcel

  2. Saša Stanišić

    herr kapielski schreibt ja eigentlich ganz merkenswerte sätze, komisch, dass so wenig da waren. aber wie man so zu sagen pflegt, man steckt da nie drin. oder so ähnlich.

    mr. shandy unerreicht in mancher spielart.

    ich will mal eine ausstellung machen.

  3. enibas

    oh schön.
    eine Ausstellung von und mit Saša Stanišić

    ich denke dann an einen Raum, an dem sich Kunst- und Literaturrezeptionen in eine Art Experimentierfeld begeben
    ..
    der
    Titel
    hm, vielleicht

    Jimmys Salt & Pepper
    oder so ähnlich
    Das Paradox in Wort und Bild

    [..
    - eröffnet wird das Ganze z.B. mit Kapielskis aufwendigem Werk
    „Gänsehaut“
    aus rosaeingefärbtem Gips auf hartem Grund mit eingelassenen Besenborsten.
    - Polke, Bruegel, Fischli & Weiss sind natürlich auch dabei.
    - 77 zeitgenössische Autoren werden geladen,
    um ein Zitat ihres Lieblingsverfassers auf die Wände einer Räumlichkeit zu schreiben, welches sie in irgendeiner Form an anderer Stelle auch besprechen,
    die Besucher aber dürfen jene ausgewählten Sentenzen an den Wänden gleichermaßen nach Belieben assoziieren und kommentieren, d.h., die Wände etikettieren.
    - daneben gibt es jeden Tag liebens- und anderw(a)ertige Lesungen
    im Liegen, Lieben und Dunkeln.
    - Gäste schreiben ihre Lieblings- und Hassworte mit Zauberstiften auf Fußböden,
    die dann in bunten Kesseln und am Bahnhof beliebig umher schwimmen.
    - (nebenbei findet sich eine serielle photografisch-poetische Arbeit des Chefkurators in limitierter Millionenauflage im Ausstellungsshop)]

    ein feines Fest zum Lachen, Wundern und Denken,
    das an jedem Ausstellungstag anders aussehen kann.

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