Nr.48
17. November 2006 von Michael KumpfmüllerDie Braunschweiger Zeitung macht seit Wochen alle paar Tage mit der Krise bei Eintracht Braunschweig auf, jetzt hat es sogar einen “Putsch” gegeben, der Sponsor hat “die Macht (…) übernommen” (14.11.), was irgendwie nach südamerikanischer Junta klingt oder noch Schlimmerem. Einen Tag später präsentiert die Zeitung den neuen Trainer; es ist schon der dritte. Ob er die Mannschaft vom Abstieg rettet? Die Chancen, heißt es, stehen 50:50. - Auf der Meinungsseite lobt der Leitartikler die Braunschweiger Staatsanwaltschaft für ihre “mit deutscher Gründlichkeit” gezimmerte Anklage gegen den ehemaligen Personalvorstand von VW, Peter Hartz, der den Chef des Gesamtbetriebsrates, Klaus Volkert, geschmiert hat. Fünf Jahre lang jeweils 220 000 Euro Sonder-Bonus und dazu für Volkerts brasilianische Geliebte 399 000 Euro, was nun doch ein bisschen nach Sonderangebot klingt. 399 000 Euro sind für den normalen Sterblichen eine Menge Geld, aber für einen Konzern so gut wie nichts, will heißen eine Frage des Rechnens. Betriebsratsmitglieder neigen ja zur Aufsässigkeit, sie stellen unangenehme Forderungen, da sind ein paar Hunderttausend Euros, um sie von oben zur Ruhe zu ermahnen und von irgendwelchen Maßlosigkeiten abzuhalten, sicher eine kluge Investition. Was machte die Geliebte mit dem ganzen Geld? Nun gut, man hört, sie ist aus Brasilien, da fallen Flug- und Hotelkosten an. Man braucht Kleider, Schuhe, Make-Up, man hat keine eigene Küche auf Reisen und muss deshalb zum Essen ins Restaurant. Aber der Rest? Hat sie ihre Familie unterstützt oder für schlechte Zeiten einen Bausparvertrag abgeschlossen? Sie hatte immerhin 33 250 Euro monatlich, und, wenn man es auf vier Jahre rechnet, noch immer über 8000, also mehr als es beim Lotto gibt. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich richtig neidisch bin. Möchte ich zum Beispiel eine Geliebte sein? Aus Brasilien? Im Flugzeug immer hin und her, ins komische Deutschland, wo so viele Leute schlechte Laune haben? Allerdings kann man sich dergleichen bekanntlich nicht aussuchen, wer man ist und was aus einem am Ende wird. Konnte sich Guido Westerwelle aussuchen, dass ein Guido Westerwelle aus ihm geworden ist? Ich fürchte, nein. Der FDP-Vorsitzende hat ja, nebenbei bemerkt, den härtesten Job der Republik. Auf Anhieb klingt das sehr einfach: immer nur Nein sagen, dagegen sein, erklären, warum man als Opposition dagegen ist, aber machen Sie das mal, sich tagsaus tagein vor irgendeine Kamera stellen und immer dieselben Sätze sagen, das ist wirklich nicht lustig. Von Karl Valentin gibt es einen Sketch, da spielt er auf der Zither ein Lied, kann aber den Schlussakkord nicht finden, und weil er ihm einfach nicht einfällt, fängt er wieder von vorne an. Die ersten paar Male ist das zum Lachen, aber nach einer Weile ist es nur noch traurig, man sieht Karl Valentin, wie er immer und immer wieder dasselbe Lied spielt, und am Ende ist er ein alter Mann mit langem Bart und fällt, wenn ich mich richtig entsinne, tot vom Stuhl. Das erinnert mich wiederum an diese Notizen, die ja ebenfalls etwas tendenziell Unendliches haben, aber zum Glück haben die sechs niedersächsischen Literaturhäuser gesagt: nach sechs Monaten ist Schluss. In zwei Wochen ist das schon. Es wird Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen, doch dazu ein andermal mehr.
