52°31′20″Nord 13°17′51″Ost
10. Januar 2008 von Saša StanišićIch würde gerne wegkommen, aber richtig wegkommen, spurlos verlassen, behaupten können, ich wäre niemals angekommen, ich kenne dieses Land nicht, überhaupt habe ich keine emotionale Beziehung zu dessen Natur, Kultur, wie ist es, sag, dieses Land, was hat sich dort zugetragen, geschichtlich, sind seine Bewohner aufrührerisch, haben sie mehrheitlich diese oder jene Haarfarbe, welche Art Reise ist dieses Land wert, vielleicht besuche ich einmal das Land, und kann man dort ungestraft menschliche Beziehungen herunterladen und sich die Gefühle mit Kopfhörern während einer Straßenbahnfahrt anhören, sag mir, hat dieses Land Straßenbahnen?
Ich würde gerne so auf den Kopf fallen, dass ich danach nur in zusammenhanglosen Bildern zu denken fähig bin; nicht in Sprache wie wir sie kennen, nicht in Kategorien, nicht in Gefühlen, nicht in logischen Ketten; so also, dass nichts folgen muss aus einem Vorhergehenden, und keine Handlung erfolgt, weil man sich daraus einen Erfolg verspricht, ich würde mich gerne Bezügen entziehen. Am Nachmittag würde ich zu mir kommen, aber da ich das Konzept von Tag und Nacht nicht mehr begreifen würde, könnte ich gar nicht wissen, dass es Nachmittag ist, nicht einmal ‘zu mir kommen’ würde ich zu deuten wissen, sondern einfach da sein, nach einem anderen, nach einem dort sein, wobei ich rein zeitlich gar nicht mehr wissen würde, was vorher und was danach wäre. Ich würde auf den Wecker sehen, aber da wäre kein Wecker, nicht einmal ein ‘Sehen’ wäre da, sondern ein Eindurck eines nicht einheitlich gefärbten Dinges, wobei ‘gefärbt’ auch schon eine totale Überforderung darstellen würde, wenn ich nach dem Reset überhaupt der Überforderung fähig wäre. Und so weiter mit dem Eindruck des Brusthaars, des Schwanzes, des linken und des rechten Beins und dann, was dann?
Und wenn ich telefoniere, bin ich möglicher Weise für jemanden mit Kopfhörern, irgendwo auf der Welt, lokalisierbar; ich finde Abhören romantisch, etwas Beruhigendes, etwas zutiefst Liebevolles steckt darin, und ich will mehr von mir preisgeben als mir lieb ist, ich will einem Computerarchiv meinen gegenwärtigen Breitengrad verraten, in diesem Land angekommen, auf dieses Feld geschissen, Affe Affen gleich (wers glaubt). Mich fasziniert die barbarische Beliebigkeit eines solchen gänzlich akulturellen Prozesses. Unbehausheit und Bedeutungsverlust wird es trotz aller Archive geben müssen, in diesem Land umso mehr und immer mehr, für Ungewissheit zu kämpfen scheint mir jeden Kampfes wert.

Am 10. Januar 2008 um 22:26 Uhr
Wo beginnt denn die Ungewissheit, fragt er mich. Hab ich dich gestern nicht im Internet gesehen? Bist du es, der sich einen Korken in den Arsch gesteckt hat, um die Scheiße einfach nicht mehr zuzulassen? Wie naiv! - Nein? - Verzeih’ dann habe ich dich wohl verwechselt, oder willst du einfach nur nicht die Schande eingestehen und bindest mir gerade einen Bären auf? - Ha, Bären. Passt zu Berlin. Komm wir gehen ein Bier trinken und eine Currywurst essen und zahlen bar, damit die Krankenkasse davon nicht Wind bekommt.
Am 11. Januar 2008 um 13:42 Uhr
Apropos Krankenkasse: ich bin nicht versichert, bzw. muss das jetzt pflichtmäßig machen, der Hammer, aber: die Grippeviren finden mich nicht attraktiv genug!
Am 11. Januar 2008 um 14:58 Uhr
Pech mit der Grippe, Glück im Spiel…. oder wie ging dieser sinnige Spruch noch gleich?
Am 11. Januar 2008 um 22:02 Uhr
Nicht versichert zu sein kenne ich. Das war ich in Deutschland ganze 1 1/2 Jahre, nicht dass ich nicht wollte, die wollten nicht (der Gesetzesrost, aber dem hat ja jetzt das Merkel einen neuen Anstrich verpasst). Und stell dir vor, die Grippenviren fanden mich auch nicht attraktiv genug oder fanden mich gar nicht, kann ich nicht beurteilen. ;o) 1 1/2 Jahre und nie krank, mal abgesehen von den stressbedingten Magenschmerzen. Aber es ist schon verdammt blöd, so ganz ohne Krankenversicherung.
Am 12. Januar 2008 um 13:59 Uhr
Für so wort- oder bildschöpferische, freie, selbst und -ständige Menschen gibt ’s in diesem zuweilen doch sozialen Land eine sehr sehr nette Einrichtung zur allmonatlichen Bestreitung (d.h. Halbierung) der Krankenversicherrungsbeiträge mit Namen:
Künstlersozialkasse
Alles Nähere unter
www.kuenstlersozialkasse.de
deshalb nett,
weil,
wenngleich da zuerst augenscheinlich viel Papierkram zu bewältigen ist,
diese Institution (eingerichtet für doch zumeist formblattbefremdliche Kunstmenschen)
die wohl plausibelste und allgemeinverständlichste Formularisierung des ganzen Landes bereithält.
Wirklich alles sehr sehr einfach. Allerdings muss man sich vorher bei einer anderen Versicherung anmelden, da will ich eigentlich keine Tipps abgeben, nicht nur, weil ich mich nicht auskenne, vielmehr weil, wenn ich merkelich wäre, bestimmen würde, dass es für alle Menschen zu gleichen Konditionen die gleiche Versicherung gäbe. Die KSK übernimmt, wenn sie einen aufnimmt, die Hälfte der Beitragszahlung.
Viel Erfolg!
Auf bald
S
Am 12. Januar 2008 um 16:26 Uhr
Liebe S. Genau.