Mit 500 Buchverkäufern in Muhammad Alis Heimatstadt

29. Januar 2008 von Saša Stanišić

Wisst ihr, was komisch ist? Ich fahr immer so ignorant planlos überall hin und beschäftige mich erst nach der Rückkehr mit der Stadt, in der ich gerade war. Ich besitze einen einzigen Reiseführer. Es ist ein Reiseführer zu Saarland. Ich war noch nie in Saarland. Ich bin auf all das nicht besonders stolz und verspreche hiermit Besserung.

Nach drei Tagen in Louisville, Kentucky habe ich “Louisville, Kentucky” gegoogelt. Auf einer Party, die Jim Beam mit Cola trinken lässt, kann ich jetzt super über Bourbon klugscheissen. Mit “Louisville, Kentucky” erfährt man auch eine Menge über Pferderennen und Muhammad Ali. Wie jeder schätze auch ich Muhammad Ali. Er ist ein sogenannter Sohn der Stadt “Louisville, Kentucky”. Ich habe mir so lange seine K.O.s auf YouTube angeguckt, bis ich davon zu träumen begann, selbst Boxer zu werden. Da dies aus mehreren, zum Teil offensichtlichen Gründen nicht möglich ist (ich sehe in Boxerhosen mit meinen langen Beinen wahnsinnig doof aus), bin ich momentan niedergeschlagen wie jeder mit einem geplatzten Traum.

Wie aber war meine Reise nach Louisville? Was habe ich ausgerechnet dort gemacht? Warum nicht eine Abenteuer-/Selbstfindungsreise z.B. in die Mongolei? Mache ich etwa ein Kunstprojekt, bei dem ich alle Partnerstädte von Mainz bereise? Warum habe ich nicht ein Schiff genommen, sondern ein Flugzeug (Kerosin, globale Erwärmung, viele Leute, die auf kleinem Raum Schuhe ausziehen)? Und habe ich mich mich mit fünfhundert amerikanischen Buchhändlern unterhalten? Auf die letzte Frage antworte ich gleich mit Ja.

Am Flughafen in Newark treffe ich Eric. Eric ist Executive Vice President meines amerikanischen Verlags. Er besitzt einen Blackberry und Humor. Ich will sofort auch einen Blackberry. Ich frage Eric, ob er mit seinem zufrieden sei. Er zeigt mir sein eigentliches Telefon. Eric und ich sind uns einig: unter keiner Regierung würde USA von ihrer überprotektiven Innenpolitik und aggresiven Außenpolitik abkehren. Erics Blackberry kann selbstverständlich auch jede Menge Musik speichern.

Eric und ich im Flugzeug. Wir sitzen hintereinander auf einem Einzelsitz, können uns also schlecht weiter über das hervorragende Essay von Noam Chomsky unterhalten. Zum ersten Mal erlebe ich, dass jemand (ein gutaussehender Mann, allein am Zweier-Sitz neben mir) den man fragt, ob er nicht Plätze tauschen würde, mit “as a matter of fact - no” antwortet. Um ihn zu deprimieren, lese ich mein Buch (Max Frisch: “In Amerika”) eine Stunde lang halblaut, und jeder weiß, Deutsch ist nicht die Sprache, deren Klang unbedingt jeden sofort einlullt und von einem Haus in Frankreich träumen lässt.

Eric und ich im Taxi auf dem Weg zum Louisviller Marriott-Hotel. Wir sagen das, was es über Florida zu sagen gibt, und der Taxifahrer lacht.

Eric und ich im Hotel. Eric immer noch Humor. Auch am Blueberry, das er dann doch zwei Mal zum eigentlichen Telefonieren nutzt. Eric sympathisch zur dunkelhäutigen Rezeptionistin. Ich: geht so. Er zeigt ihr seine Marriott-Punktesammelkarte. Ich nicht, ich habe keine. Sie ist beflissen, sie möchte mir eine Marriott-Punktesammelkarte ausstellen, die auch in den europäischen Marriotts Punkte sammeln könne.

Ich sage: No, thank you.

Sie sagt: Doch, doch, obwohl das Englische das Doch ja gar nicht richtig beherrscht.

Eric und sie lachen, aber wir finden dann alle drei, dass ich eine sehr schöne Mitgliedsnummer habe.

Mein Hotelzimmer und ich kommen sofort gut miteinander aus. Das ist vor allem wegen dessen schönen Augen. Sie sehen auf Louisville, und Lousiville lässt sich sehen:

Fensterblick

 

 

 

 

 

Die Augen meines Hotelzimmers sind zwar schön und offen, aber lassen sich nicht öffnen. Das war kein guter Satz, und doch. Ich verliere also die Marriott-Punktesammelkarte hinter dem Schrank, in dem einer der beiden Fernseher so ganz ganz leicht surrt.

TV

 

 

 

 

 

Mein Marriott-Hotelzimmer ist mit zwei Fernsehern ausgestattet. Sofort will ich wissen, wie das ist, wenn man zwei baugleiche Fernseher auf denselben Kanal bringt und die Lautstärke auf volle Pulle dreht. Im Flugzeug habe ich Ohrstöpsel verlangt und bekommen, das System aus Verlangen und Bekommen ist das Angenehmste an Flugzeugen. Aufgrund meines Fernseh-Projekts finde ich Verwendung für sie: ich möchte nicht verletzt werden. Ohrenverletzungen sind nicht nur sowieso nicht, sondern auch rein ästhetisch nicht unter den Top Drei Verletzungen, die man haben möchte.

Ohrstoepsel

 

 

 

 

 

Ich schalte den ersten Fernseher (F1) ein.

Ich schalte den zweiten Fernseher (F2) ein.

Ach, scheiße, fällt mir dann ein, ich muss los.

Eric und ich in der Hotel-Lobby. Warum ich Ohrstöpsel trage. Mein Gehirn ist wachsam und denkt natürlich gleich: ‘Sag ja nicht, das mach ich manchmal so’. Ich sage das oft, wenn mich jemand bei Dingen erwischt, die man so macht, wenn man sich nicht beobachtet wähnt. Man weiß ja nie, gell, ob man das später nicht für eine Geschichte brauchen kann. Egal. Ich sage: Das mach ich manchmal so. Nein, war ein Scherz, ich sage das nicht, aber ich sage auch nichts Anderes, denn ich habe mir das mit den Ohrenstöpseln gerade ausgedacht, also hat Eric die Frage gar nicht erst gestellt und die Ohrstöpsel lagen zu diesem Zeitpunkt in ihrem Ohrenstöpselhaus, wo sie auch hingehören, wenn ihr Herrchen unterwegs ist in den Straßen von Louisville, Kentucky, die ca. so aussehen:

Louisville

 

 

 

 

 

Aber, was ich damit sagen wollte: WEHE DIR UMWELTSCHUTZ, WEHE DIR KAMPF UM EINHALTUNG DER MENSCHENRECHTE, WEHE DIR PROTEST WEGEN PRIVATSPHÄREN-EINDRINGUNG, WEHE DIR ZIVILCOURAGE, WEHE DIR SELBST-BESTIMMUNG DES VOLKES, WEHE DIR BIER FÜR DIE RETTUNG DES URWALDS, WENN DU SOLCHE AKTIVISTEN WIE MICH AN DEINER SEITE WEIßT!

Eric, Leif Enger (besitzt keinen Blackberry, aber Humor), ich und etwa dreißig unabhängige Buchhändler dinieren. In Amerika benutze auch ich das Messer so gut wie nie, warum auch? Nach dem Salat soll ich den Tisch wechseln. Ich setze mich auf Leif Engers Platz, Leif Enger setzt sich auf meinen Platz, weil uns so viele Buchhändler wie möglich kennen lernen sollen. Leif und ich begegnen uns auf halbem Wege und er erwähnt humorvoll, dass sich sein erstes Buch über eine Million Mal verkauft habe. Langsam werden mir die Ausmaße dessen klar, auf das ich mich hier eingelassen habe. Es geht um Buch bekannt machen, sich bekannt machen, es geht um verkaufen und gefallen. Der Autor muss, um zu überleben, nicht nur schreiben können. Um sich klar zu werden, ob der Gedanke, der hinter einem möglichen ‘Komma sondern auch …’ im vorangehenden Satz verwerflich sein könnte, ist keine Zeit. Schon ist Dessert und ich wechsle erneut den Tisch. Hallo, es freut mich wirklich außerordentlich. Wissen Sie, ich hatte große Angst, dass wegen der Übersetzung. Humor ist wesentlich, Humor ist aber auch schwer zu transportieren. Nein, nein, ich war noch nie in Alabama. Kurt Vonnegut, Miranda July, Dave Eggers.

Zehn unabhängige Buchhändler und ich nach dem Dinner in einer Kneipe. Bush mag keiner von Ihnen. In Iowa mochte kein Student Bush. In New York mochte kein New Yorker Bush. In Florida mochte man seinen Bruder, immerhin. Bush und seine Phantomwähler.

Fünfhundert Buchhändler sind es insgesamt dieses Wochenende in Louisville, Kentucky. Sie kommen aus Richmond. Sie kommen aus Illinois. Sie kommen aus South Carolina. Sie  besuchen das Muhammed Ali Center und trinken Bourbon. Zwischendurch haben sie Seminare, Workshops und Weiterbildungs- (jetzt habe ich glatt sowohl ‘Seminare’, als auch ‘Workshops’ verbraten) -kurse. Wenn Buchhändler viel Bourbon getrunken haben, ist das nicht viel anders, als wenn Feinmechaniker oder Lastwagenfahrer viel Bourbon getrunken haben. Auf die Frage, wo ich herkomme, antworte ich, mir nichts dir nichts: Deutschland. Erkläre dann das aber. Schwierig, schwierig, so Herkunft, finden wir alle. Ein Buchhändler aus California sagt: Wenn ein Pferd in einem Saugehege geboren wird, macht ihn das lange nicht zur Sau. Gut, dass er das sagt, denn sofort wechseln wir das Thema und reden über Pferderennen. In einer Stadt wie Louisville, Kentucky, fühlt sich das wesentlich richtiger an.

horses

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