Nr.46
11. November 2006 von Michael KumpfmüllerGestern im Fernsehen die nicht wirklich überraschende Nachricht, wonach die deutsche Bevölkerung bis zum Jahr 2050 von derzeit 82 Millionen auf etwa 70 Millionen sinken wird. Grund: Es werden immer weniger Kinder geboren, statt derzeit 685.000 pro Jahr bis Mitte des Jahrhunderts schätzungsweise gerade mal 500.000. In der Braunschweiger Zeitung veröffentlichen sie deshalb schon heute alle paar Tage Fotos mit Neugeborenen („Willkommen in Braunschweig“), während weiter vorne seit Tagen ein neuer Fall von mutmaßlicher Kindstötung im Landkreis Gifhorn die Seiten füllt. Ob in den sechziger und siebziger Jahre auch so viele Kinder getötet und misshandelt wurden? Das Gefühl sagt nein, aber wahrscheinlich hat sich nur die öffentliche Wahrnehmung verändert: Vor 30, 40 Jahren waren wir in Sachen Reproduktion noch reich, die Ressourcen schienen unerschöpflich, da hat man um uns Kinder weniger Aufhebens gemacht, was auch bedeutete, dass wir freier waren, weniger kontrolliert. Ich habe noch auf der Straße gespielt als Kind. Es gab unbebaute Grundstücke, schattige Winkel, in denen wir irgendwelchen Geheimnissen auf der Spur waren, während heute alles mehr oder weniger ausgeleuchtet ist, begleitet von den mal hysterischen, mal pathetischen Gesängen der Erwachsenen. Heutzutage schreiben die Leute ja auch gleich Kolumnen, wenn sie Vater oder Mutter werden, was ja nur Ausdruck der Tatsache ist, dass das Kinderhaben eine partikulare Erfahrung geworden ist, etwas, das sich nicht mehr von selbst versteht, sondern als ironisch kaschiertes Heldentum zur Nachricht wird. Der Rest ist wie immer Propaganda, d.h. der mehr oder weniger hilflose Versuch, eine unerwünschte Wirklichkeit mit großen Worten zu modeln. “Die Welt wird jedesmal neu erschaffen, wenn ein Kind geboren wird”, schreibt der stellvertretende Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung zum Start eine Spenden-Aktion, die Kindern der Region unbürokratische Hilfe zukommen lassen soll, und stellt im Anschluss die pathetische Frage: “Wie aber gehen wir in unserer immer noch reichen Gesellschaft mit diesem Geschenk der Schöpfung um?” Offenbar wie mit einem Geschenk. Ein Geschenk ist ja heutzutage eher eine Last, eine Art Übergriff, eigentlich eine Unverschämtheit, etwas, das man bei Bedarf umtauscht (kurz nach Weihnachten in den dämmrigen Geschäften der Städte), weshalb die Leute sich ja zunehmend gerne mit Geld beschenken, weil sie dann wirklich frei bleiben, für dies und das und für nichts. Oder ist das jetzt zu kulturpessimistisch gedacht? Wahrscheinlich. Wenn man erst mal die vierzig überschritten hat, scheint das zunehmend unvermeidlich zu sein. Man wird ein bisschen griesgrämig und weniger optimistisch, was den Fortschritt der Menschheit im allgemeinen und besonderen angeht, was ich selbstverständlich bedaure.
