Mit 500 Buchverkäufern in Muhammad Alis Heimatstadt | Day 2

29. Januar 2008 von Saša Stanišić

Ich habe mir extra eine Schwimmbrille gekauft, damit ich in Louisville, Kentucky schwimmen gehen kann. Das tue ich jetzt mal, habe ich mir am zweiten Tag auch gedacht und mich, fröhlich in den Bademantel gekleidet, auf die Suche nach dem Marriott Indoor Pool aufgemacht. Ganz ein praktischer Mensch wie ich halt bin, trug ich auch schon Badelatschen und hatte mir sogar die Schwimmbrille aufgesetzt.

Es ist weniger amüsant, aber immer noch amüsant, als im 16. Stock zwei ältere Damen in den Aufzug steigen und bei meinem Anblick so ganz leicht erschrecken. Dann aber natürlich lachen und ein Kommentar mitfahren lassen, das man freundlich kontert. Das Dankbare an Menschsein ist ja schon auch die freundliche Kommunikation. Etwas brenzlicher wird es im 14. Stock. Zwei fantastisch aussehende Rothaarige steigen ein, vielleicht Schwestern, die bestimmt so eine alte Buchhandlung in Boston besitzen und täglich mehr Umsatz machen als Barnes & Noble. Sie finden mich nicht sehr funny. Mal ganz davon abgesehen, dass die ja alle sehr normale Kleidung tragen und offiziell namentlich als Teilnehmer der Bookseller Conference ausgeschildert sind.

Ich sehe an mir herunter, und das muss man jetzt schon auch zugeben, es ist ein Bild des Grauens, das ich hier abgebe. Meine haarigen Waden, die merklich zu kleinen Hotelbadelatschen und natürlich die bescheuerte Schwimmbrille. Ich weiß auch nicht. Wenn mich jemand gefragt hätte, ‘Ja muss das denn jetzt sein?’, hätte ich ganz ehrlich geantwortet: ‘Nein, um Gottes Willen, nein.’

Die mitmenschliche Katastrophe, in die ich mich also mal wieder so mir nichts, dir nichts hineinmanövriert habe, hätte ich sofort einer philosophischen Untersuchung unterziehen müssen, damit man später einen Immerhinlerneffekt beteuern kann. Wofür stand das, auf was wollte ich damit aufmerksam machen etc.? Aber dafür ist keine Zeit: Im 11. Stock bleibt der Aufzug erneut stehen: ein einzelner Herr im Anzug mit akkurat gescheiteltem Haar. Er erkennt mich sofort:

Sagen Sie mal, sind Sie nicht der Autor von? Gelesen! Fantastisch.

Dann hält er Inne und sieht mich so verdutzt an wie man eben jemanden ansieht, der in einem Aufzug Schwimmbrille trägt. Auch die Damen sehen sich doch nun alle noch mal nach mir um, so dass mein harmloser Scherz plötzlich zu einer dieser Situationen wird, in denen ich zumindest froh sein muss, nicht Urologe, sondern Schriftsteller zu sein. So haben, sagt man, auch Peinlichkeiten und Kaputtheit ihren angestammten Platz und die sogenannte Daseinsberechtigung.

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Ich schwimme vier ganze Bahnen. Der ganze Streß für vier mickrige Bahnen. Völlig ermattet kann ich nicht mal einen O-Saft trinken, da ich zu viel Wasser verschluckt habe.

Am Abend treffe ich bei der Massenunterschreiberei die beiden Rothaarigen. Sie erzählen von ihrer Buchhandlung in Georgia. Sie meinen, auch sie gehen so schwimmen. Eine von ihnen sagt sogar das englische Wort für Fußpilz, das ja sehr lustig klingt und gar nicht danach, was es ist. Das sagen Sie, sage ich, nur, damit ich mich besser fühle.

Eric ist wieder da! Eric war den ganzen Tag unterwegs und hat allen von meinem Buch erzählt. Gegenseitige Dankbarkeit schwingt in der Luft. Er fragt mich, warum meine Augen rot seien. Ich sage: Weil meine Schwimmbrille scheisse ist. Er sagt: Heute wird gesoffen. Ach, wie schön wäre es, wenn er das sagen würde, aber bevor gesoffen werden kann, muss noch unterschrieben und über das Buch gesprochen werden.

Sagen Sie, worum? Was meinen Sie, ist es geeignet für? Ich war ja mal in Rumänien. Warum glauben Sie, dass es in den USA einen Markt? Findet Aleksandar am Ende? Wieviel davon ist? Ich fische ja auch.

Langer Rede, kurzer Sinn: am Abend kommt es zu keinem Vorfall. Wir sind gesittet. Immer noch mag niemand Bush. Ich bin müde des Michbeobachtens und beobachte andere. Das geht nicht lange gut. Zu Hause im Marriott pule ich die Marriott-Punktesammelkarte hinter dem Schrank hervor und gehe schlafen.

Am nächsten Tag ist Abschied. Meinen amerikanischen book launch werde ich hoffentlich hier haben, wo man auch Tee trinken kann. In New York habe ich acht Stunden Aufenthalt und mache, still, folgende Fotos:

11 Reaktionen zu “Mit 500 Buchverkäufern in Muhammad Alis Heimatstadt | Day 2”

  1. Lu

    *

  2. tibits

    Oh ja liebste Lu, der fehlt, aber grundsätzlich kann ich dagegen nichts einwenden (oder soll ich besser einwänden schreiben? Immer diese Entscheidungen!), denn Sasa lese ich wahrscheinlich noch im Grab. Ich hoffe, dass genau dann auch ein neues Buch erscheint, nicht auszudenken wenn ich da unten nichts frisches zu lesen hätte.

    Ich muss noch verfügen, dass man nicht auf meine Lesebrille und ein Nachtlicht vergisst, bevor man mich einbuddelt. Eins dieser Dinger die ewig leuchten und das ganz ohne Batterie. Gibt’s die schon? Wenn nicht hoffe ich die erfinden die bis dahin, oder aber Steorn schafft es endlich sein Orbo zu kommerzialisieren.

  3. Saša Stanišić

    Der fehlt, wer fehlt, was fehlt, warum fehlt?

    Wenn Tote lesen können, dann brauchen sie auch keen Licht.

  4. tibits

    Du bist immer so unromatisch. ;o)

    Das ist wohl nur ein imaginärer Lu-Punkt, keine Sorge, es fehlt nichts. :o )

    Lu?

  5. Lu

    ich bin immer zwei mal mehr unromantisch als jeder andere.

    aber, nur zur knappen, unromantischen aufklärung: rein gar nichts fehlt.
    dieses sternchen ist ein quasi-kommentar. es bedeutet, das einem der text sehr doll gefallen hat,
    man aber nicht dazwischenreden möchte, mit einem vielwörtigem kommentar.

    so halt.

  6. Lu

    ach so. weil heute karneval ist, benutze ich noch rasch ein emote-icon. nicht das es am ende heißt, ich wäre - spröde.

    :-)

  7. tibits

    Aha, jetzt sehe ich es auch. Das ist ein Sternchen. Ich sollte entweder besser doch immer meine Lesebrille aufsetzen oder die Schrift in meinem Browser ein bisschen größer stellen. ;-)

  8. shivaree

    ist das cloverfield (www.cloverfieldmovie.com) im 3. und 4. bild?

    innerhalb von nur sieben stunden im big apple die st. stanisic church entdeckt- respekt :)

  9. Saša Stanišić

    Achtung, spoiler: ich bin das Cloverfieldmonsterchen.

  10. shivaree

    aaaaaah! watch out, then! watch out! the Cloverfieldmonsterchen and lightningman taking over over here soon, too! clover over fields, over and over!

  11. chico

    * + :) + yo, respect!

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