Farbensteller | Saša

4. Februar 2008 von Saša Stanišić

Als ich acht oder neun war, bin ich absichtlich in Leute gelaufen. In Wartende, in Spaziergänger, in Postboten, in Touristen. Ich rempelte sie an, damit sich unsere ‚Linien’ kreuzten. In meiner Vorstellung war jedes Menschenleben eine solche Linie, schlängelnd durch unendliches Weltschwarz. Ich bin eine Linie, du bist eine Linie. Das Jetzt ganz vorne, es ist das Lenkrad, das Jetzt entscheidet, wo es lang geht. Ich bildete mir ein, durch das Anrempeln den Linienverlauf ändern zu können. Ein winziger Augenblick, genug, um jemandem eine neue Richtung zu geben. Und mir. Auch änderte jede Begegnung mit einem Fremden die Farbe unserer Linien. War meine vorher gelb und seine blau, waren wir danach beide eine Spur grüner. Berührt dich der Tod wirst du schwarz. Du versinkst im Weltschwarz, unsichtbar für alle. Ich dachte auch, dass es mir nach einer gewissen Menge an Berührungen möglich sein würde, kurz in das Leben des Anderen schauen zu können. Ich musste nur dem Schicksal beweisen, dass ich ein ausdauernder und wohlmeinender Veränderer war; so rempelte ich niemals jemanden an, der gerade etwas zu genießen schien.

Am liebsten rempelte ich, wenn ich mit meinen Eltern in einer anderen Stadt oder in Urlaub war. Die fremden Linien kamen von Weitem her, sie waren spannender als die von meinem Mathe-Lehrer, der mich wegen meines wiederholten Schulterausfahrens mal zur Seite genommen hatte; ich weiß nicht mehr, welche Ausrede ich mir da zurechtgelegt hatte, die Bedeutung des Wortes ‘Epilepsie’ war mir jedenfalls schon bekannt.

Meinen Eltern war mein Verhalten natürlich schnell aufgefallen. Ich erklärte besonnen den Sachverhalt. Mutter erklärte besonnen, dass das lieb sei, aber der größte Blödsinn, seit ich behauptet hatte, mit Gravitation alles naturwissenschaftlich Relevante verstanden zu haben und deswegen nicht mehr zu Mathe oder Haushaltslehre gehen wollte. Vater erklärte besonnen, wie ich mich am besten verteidigen sollte, falls mal einer der Angerempelten ausfällig wird. Mutter erklärte dann dem Vater etwas, was ich aber nicht mitbekam, weil im Fernsehen Skispringen begann, mein Lieblingssport als Kind.

Die Faszination für Wege, die jemand gegangen war, bevor er vor mir aufgetaucht ist, empfinde ich noch heute. Die Methoden, mich auf sie einzulassen, sind etwas weniger rabiat. Ich munkle manchmal, deswegen zu schreiben – weil ich Lust habe, das, was ich nicht erfahren kann, zu erfinden. Weil ich Lust habe, Lebenslinien zu färben.

Eine Reaktion zu “Farbensteller | Saša”

  1. la panthera

    Da fällt mir einiges dazu ein…

    “unvordenkliche Vergangenheit”: Der andere geht mir immer voraus, er hat den Vortritt, denn er kommt aus einer Vergangenheit, die sich jeder Vergegenwärtigung durch mich entzieht.

    Übersetzung nach Levinas

    oder auch:

    Wenn du zur Arbeit gehst
    am frühen Morgen,
    wenn du am Bahnhof stehst
    mit deinen Sorgen:
    da zeigt die Stadt
    dir asphaltglatt
    im Menschentrichter
    Millionengesichter:
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupille, die Lider -
    Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
    vorbei, verweht, nie wieder. […]

    Tucholsky

    oder auch der (selbst durchgeführte) Psychologieversuch:
    Setze dich in relativ geringem Abstand neben eine einzelne Person auf eine Parkbank. Die menschliche Abstoßungskraft ist unüberwindbar groß. Ruhig sitzen bleibt keiner. Das Kreuzen von Lebenslinien ohne Kabel ist nicht mehr vorgesehen.

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