Sprung in die Zukunft | Ben

4. Februar 2008 von Saša Stanišić

An der Decke fraß blaues Licht in einem Käfig alle paar Sekunden eine Mücke. Im Hintergrund schlich sich die Fähre aus Ischia in den Hafen, dabei teilte sie mit einem mächtigen Bug die Spiegelung des Sonnenuntergangs. Am Nebentisch lachte eine Frau mit rotgefärbten Haaren so laut auf, dass der Cameriere kam und fragte: Un po’ di acqua per la signora?, während sein Kollege einen riesigen Krebs aus dem Aquarium hob und ihn in kochend heißes Wasser fallen ließ. Dass ich im Alter von zehn Jahren ein gelbes Sakko trug, um auszusehen wie James ‚Sonny’ Crockett, dass ich die Ärmel des Sakkos zu den Ellebogen hochgeschoben hatte und mir die Cola im Weinglas servieren ließ, war Teil eines Gesamtkonzepts. Als Privatdetektiv, Superheld und vorbildlicher Sohn musste man vor allem zwei Eigenschaften in sich vereinen: Mut und Stilsicherheit. Das Restaurant lag hoch oben über dem Meer, vor der Terrasse hatten sich riesige Steine bis zu uns nach oben gekämpft und bildeten einen Schutzwall zwischen Gästen und Mittelmeer. Nach dem Essen brach ich zu meinem Abenteuer auf. Es war ein Sommer wie jeder andere und immer das gleiche Abenteuer, es bestand aus tolldreisten Sprüngen von Felsen zu Felsen, aus Kletter- und manchmal Abrutschpartien, ich fand Halt an vom Meerwasser noch nicht rundgewaschenen Ecken, an Spitzen und scharfen Kanten, manches Mal schlug ich mit dem Knie so hart auf den Stein, dass sich meine Jeans an entsprechender Stelle rot färbte. Natürlich wusste ich, dass die Gäste mich beobachteten und darauf warteten, dass ich abrutschte. Ich musste mich also konzentrieren, jeder Fehltritt würde tödlich oder peinlich sein, vielleicht auch einfach auf tödliche Weise peinlich. Die Felsenkette zog sich über Hunderte Meter am Stand entlang, und eines Abends, die Fähre war schon lange im Hafen vor Anker gegangen, nahmen mich meine Gedanken als Geisel. Jeder Sprung symbolisierte plötzlich eine Etappe meines Lebens, ich sprach Worte in die Dämmerung und sprang, die Landung symbolisierte das Meistern der jeweiligen Aufgabe. So sprang ich mein bisheriges Leben durch, sagte laut: „Seepferdchen“, stieß mich ab und landete sicher. Ich sagte: „Einschulung“, sagte: „Fahrradfahren ohne Stützräder“, sagte: „Schlüsselbein heilen nach Schlüsselbeinbruch“. Es ging alles ganz leicht, meine Füße fanden jedes Mal Halt, zum ersten Mal spürte ich so etwas wie Selbstbewusstsein. Nach einer Weile und unzähligen Sprüngen war ich in der Gegenwart angekommen, jeder weitere Sprung wäre ein Sprung in die Zukunft gewesen. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass das Restaurant nun Hunderte Meter entfernt lag, ich war so lange von Felsen zu Felsen gesprungen, dass ich die Stimmen der Gäste nicht mehr hören konnte, nur das Rauschen des Meeres und sein warnendes Anschlagen gegen das Gestein. Es war sehr schnell dunkel geworden, die Felsoberflächen, die zuvor noch in allen erdenklichen Grautönen vor mir gelegen und all ihre Unebenheiten preisgegeben hatten, waren jetzt nur noch als flächiges, dunkles Grau zu erkennen.

Italien

Ich sagte leise: „Gymnasium“, aber setzte nicht zum Sprung an. Meine Füße weigerten sich, so sehr ich ihnen auch den Absprung befahl. Ich sagte: „Konfirmation“, „Klavierunterricht“, „Klassensprecher“, aber bewegte mich nicht, sondern schlug Wurzeln in der Gegenwart. Kurz bevor ich dem Drang nachgeben und schluchzen wollte, fiel mir ein, was ich war: Privatdetektiv, Superheld, vorbildlicher Sohn.

Am anderen Ende der Bucht zwinkerten mir höhnisch die Lichter von Sperlonga zu, und aus schier endloser Entfernung hörte ich meinen Vater, dessen vorletzter Urlaub es sein sollte und den ich wie mich selbst für unsterblich hielt, laut und doch ein wenig ängstlich meinen Namen in die Nacht rufen.

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