Die Muschel | Saša

5. Februar 2008 von Saša Stanišić

Ich habe noch nie eine Sandburg gebaut. Ich war noch nie begraben unter warmem Sand, mein Kopf draußen für Sonne, Lachen und Luft. Ich habe noch nie am Strand übernachtet oder Sex gehabt, habe niemals besoffen in die Brandung gekotzt. Ich war nie auf einer Strandparty, habe nie bis in den Morgengrauen durchgetanzt mit Leuten, die glücklich waren über ihren derzeitigen Gefühlszustand.

Aber einmal habe ich eine Muschel im Sand gefunden, die schönste Muschel, rot und gelb und voll Narben von irgendwelchen Schlachten, die das kleine Haus unter See auszutragen und hier oben, am Strand, auszuhalten hatte. Ich wusch die Muschel, fuhr immer wieder über ihre strahlend weiße, polierte Innenwand, prägte mir ihr Muster ein, spielte mit ihr, und all die Zeit überlegte ich, wen ich am meisten auf der Welt liebte, um ihm die Muschel zu schenken.

Kroatische Adria-Küste, 1991. Roter Stern hatte gerade den Europapokal geholt, unser Sozialismus röchelte in seinem Sterbebett, und ein Mädchen setzte sich zu mir und lächelte mich an, als wusste sie alle Geheimnisse, die uns zwölfjährigen Jungs noch verborgen waren. Ihr Haar war lang und dunkel, ihr dalmatinischer Dialekt im Vergleich zu meinem hölzernen bosnischen natürlich ein Gesang. Wenn sie etwas sagte, sah sie mir gerade in die Augen, wenn ich antwortete, sah ich auf die Muschel in meiner Hand. Ich wusste, dass das Mädchen nicht wegen mir gekommen war, ich wusste, dass es ihm auch nicht um unser Gespräch ging, ich wusste, das Mädchen wollte bloß die Muschel, die schönste Muschel, die das Meer jemals geboren hatte.

Wir verbrachten den ganzen Tag am Strand. Am Nachmittag legten wir uns hin, ihr Kopf neben meinem, unsere Beine in verschiedene Richtungen gestreckt: meine zeigten zu den Bergen, ihre zur See, unser Lieblingsfach war Serbokroatisch.

Ihre Lippen trugen Sand auf meine Wange, das war schon der Abschiedskuss. Ich drückte ihre Hand fest mit der Muschel in meiner, und als wir losließen war meine Hand leer.

Eine Reaktion zu “Die Muschel | Saša”

  1. Sandriza

    Sandburgen gebaut…, mehr als ,…. keine Ahnung, waren wirklich schon zu viele!!
    Am Strand Sex… nicht empfehlenswert… zuviele Sandkörner! Übernachten am Strand…sehr empfehlenswert, wenn einem die Lautstärke der See nichts ausmacht!
    Kotzen in die Brandung… nur mit Vorsicht zu genießen… man sollte die Windrichtung beachten!
    Party am Strand mit glücklichen Leuten?? …Ausgiebg gemacht und nur zu empfehlen!
    Geliebt, übernachtet, sich übergeben und Party gefeiert… lange ist es her, aber schön war es und die Errinnerungen lassen mich immer noch schwelgen!

    Die schönste Muschel der Welt hast auch nicht du!!!
    Die habe ich schon vor Jahren gefunden.
    Weiss, rund und errinnert mich immer herzlich an meinen kleinen Sohn!
    Etwas ungeschliffen, schlicht und dennoch gutaussehend und charakterstark!
    Der wirds mal zu was bringen… der ist hochintelligent, sagt zumindest immer Irfan, der Onkel meines Mannes und der muss es wissen, schließlich ist er pensionierter Geschichts- und Erdkundeprofessor, oder wie man hier in Deutschland sagt, Geschichts- und Erdkundelehrer eines Kleinstadtgymnasiums in Bosnien!
    Zu deinem Mädchen….12?? Viel zu jung…15,16,lass ich mir ja noch gefallen, aber 12??
    Nicht mein Sohn! Der nicht!,…oder doch?? Ich weis es nicht! Mal sehn was die Zeit bringt… sind sie nicht noch lieb die Jungs mit 12??
    Ich weis es auch nicht mehr…ist schon zu lange her… aber die Mädchen? Klar! Hübsch und neugierig, auch schon oft mit 12!? Nein, das mag ich mir grad nicht vorstellen, wie mein Sohn und ein Mädchen…. Kinder!?!

    Vorstellen kann ich mir allerdings sehr gut, wie Saša Stanišić nun mit ende 20, am Strand von Split, mit einer Schaufel und einem Eimer in der Hand, im Sand sitzt und mühselig versucht, eine bessere Sandburg als mein 4 jähriger Sohn Chirion zu bauen!
    Und während er es versucht, feiere ich eine Party mit Freunden, kotze in die Brandung, habe Sex mit meinem Mann in einer netten Nische am Strand und schlafe dann gemütlich im Sand ein!

    Ich merke…ich brauche dringend mal Urlaub und vor allem einen Babysitter für Chirion und Chesney!!
    Ach ja, mein großer ist 9 und fängt auch schon langsam an, sich für Mädchen zu interessieren… und die sich vor allem für ihn. Ist das Generationsübergreifend? War das vor 20 jahren auch schon so früh?
    Zum Glück küsst er noch noch nicht, oder? Nein, er ist viel zu geschwätzig und ich wüsste es schon längst!
    Dir aber wünsche ich weiterhin so gelungene “Kurzgeschichten”, Anekdoten und Kommentare?!
    War das jetzt zu lang für einen Kommentar?
    Keine Ahnung!
    Ist mein erster und wohl einziger Kommentar zu einer deiner Veröffentlichungen… meine Rezension zu deinem Buch, die ich am Abendgymnasium schreiben musste, -man ist nie zu alt zum lernen- wird wohl nie veröffentlicht werden, obwohl sie wohl sehr gelungen ist, sagt zumindest die druntergeschriebene Note!
    Schade!
    Nicht zu ändern, aber zu bessern! Und das tu ich jetzt auch! Ich werd mich bessern!
    Jetzt gleich und beende jetzt diesen doch so unsäglich lang gewordenen Kommentar, indem ich wohl, wie ich jetzt mal überflogen hab, nicht nur einmal abgedriftet bin!
    Schon wieder passiert!
    Ich wünsche dir noch eine gute Umsetzung des oben beschrieben!
    Gruß
    Sandra

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


WordPress database error: [Table './literatur_wp/wp_ss_stats' is marked as crashed and should be repaired]
INSERT INTO wp_ss_stats (remote_ip,country,language,domain,referer,resource,platform,browser,version,dt) VALUES ('38.107.179.227','','en-us','','','/archiv/278','','Crawler/Search Engine','',1328407529)