Alain, auch wieder Arved | Ben

5. Februar 2008 von Saša Stanišić

Ich habe meinen Patenonkel nicht an die Nazis verloren, sondern an den Krebs. Deutschland hat ihn an die Nazis verloren, er lebte nach 1933 mit seiner Familie in Lyon. Deutschland hat meinen Patenonkel nicht vermisst, obwohl er von seinen jüdischen Eltern christlich getauft worden war, und trotzdem holte es ihn zurück. Einfach verschwinden, war nicht vorgesehen. Ich habe meinen Patenonkel ständig vermisst, er lebte zu viele Kilometer von Frankfurt entfernt und war ein zu großherziger Mann. Seine letzte E-Mail an mich datiert vom 29. Mai 2000, darin schreibt er: „Wenn ich bedenke, dass mein Vater unseren Nachnamen per De Blanclieu verfranzösischen wollte! Tschüß, Alain (auch wieder Arved).“

Mein Patenonkel wurde als Arved Ludwig Bielschowsky am 5. Januar 1927 in Berlin geboren, er starb am 30. September 2000 in Farges. In meiner Erinnerung sitze ich als Neunzehnjähriger mit Alain am Mittagstisch unseres Stadtteilchinesen in Praunheim, er fragt mich nach meinen Studienplänen, ich erzähle ihm von meiner Band.

„Musik ist etwas sehr schönes“, sagt Alain und meint dabei nicht die verzerrten Akkorde unseres Gittaristen oder meinen Schreigesang. „Deine Patentante hätte es gefreut, wenn sie gewusst hätte, dass du Sänger werden willst. Und sie war sehr traurig, weil sie nie mehr erfahren würde, wen du heiratest. Deine Patentante wollte deshalb, dass ich dir etwas gebe.“

In meiner Erinnerung zieht Alain ein dünnes Goldkettchen aus seiner Sakkoinnentasche, an deren Ende ein rosafarbenes Kristallherz baumelt. Er legt die Kette auf den Tisch, direkt zwischen die Warmhalteplatten unserer Hauptgerichte, und sagt: „Deine Patentante hat sich gewünscht, dass du diese Kette mal der Frau schenken wirst, die du für immer liebst.“

In meiner Erinnerung nehme ich die Kette an mich, sie ist sehr leicht und verschwindet vollständig in meiner rechten Hand, ich frage: „Hat Christiane die Kette noch vor ihrem Tod gekauft?“

Alain schüttelt den Kopf. In meiner Erinnerung muss ich nachfragen, bevor er mir Antwort gibt: „Ich habe die Kette damals gekauft, als Student. Ich war sehr verliebt in deine Patentante, aber ich war auch sehr arm. Die Kette ist gar nichts wert, sie hat damals so viel gekostet wie fünf Mittagessen. Deine Patentante hat sie bis zu ihrem Tod getragen, sie hat sie dann abgenommen für dich.“

Nachdem ich meinen Patenonkel zum Bahnhof gebracht hatte, fragte mich meine Mutter am Telefon, wie das Treffen gewesen sei. In meiner Erinnerung stehe ich telefonierend im kleinen Zimmer meiner Wohnung für Zivildienstleistende, halte die dünne, sehr leichte Kette in meiner Hand und frage meine Mutter nach der Wäsche, nach Wahlunterlagen oder ihrem Wochenende, während meine Augen in schnellen Bewegungen den Raum nach einem Behälter, einem Versteck absuchen. Irgendwann sage ich ihr, dass ich aufhören müsse, und lege die Kette in eine graue Pappschachtel. Zu alten Fahrkarten aus London, Bordkarten der Delta Airlines, ich sehe die Kette verschwinden zwischen Liebesbriefen und Quittungen, einer alten Pfeilspitze aus Idaho und meiner ersten Armbanduhr. Dann presse ich den Deckel vorsichtig auf die Schachtel, ziehe ein paar Bücher aus meiner Schrankwand und verstecke die Schachtel dahinter.

In den dreizehn Jahren danach bin ich von Praunheim nach München, von München nach Ginnheim, von Ginnheim nach Bornheim, von Bornheim nach Leipzig und schließlich nach Berlin gezogen. In meiner Erinnerung habe ich die Kette deshalb eines Tages zur Bank gebracht, sie einschließen lassen in feuerfesten, einbruchssicheren Stahl, in meiner Erinnerung kann ich die Kette genauso gut meiner Mutter anvertraut oder sie unter die lose Diele meines ehemaligen Kinderzimmers gelegt haben, ich könnte sie in alten Schuhkartons wieder finden, in den vielen Behältnissen der Werkzeugkiste, sie müsste im Geheimfach meines Sekretärs liegen oder im Koffer auf dem Dachboden, zusammen mit Songtexten und ersten, noch handschriftlichen Gedichten. Meine Erinnerung besteht aus Mosaiksteinen, die kein klares Bild ergeben. Ich kann mich nicht erinnern. Aber schämen kann ich mich. In meinem Leben habe ich keinen Haustürschlüssel verloren, kein Portemonnaie, keine Sonnenbrillen, Handys oder Photoapparate. Ich habe weder Regenschirme in der Straßenbahn vergessen, noch Schal und Handschuhe auf dem Kinositz liegenlassen. Aber das Kostbarste, was mir je ein Mensch anvertraut hat, kann ich nicht mehr finden. Ich habe Christianes Kristallherzkette nicht an Einbrecher, Umzugshelfer oder einen Wohnungsbrand verloren, sondern an meine Erinnerung. Und kann mich nicht einmal entschuldigen, höchstens bei mir selbst. Eine Entschuldigung, die ich nicht annehmen würde.

In Arveds letzter E-Mail an mich steht übrigens auch: „Uns mal wieder sehen? Sicher. Nur wo und wann?“

Eine Reaktion zu “Alain, auch wieder Arved | Ben”

  1. knack

    Vergessene Kostbarkeitskisten mit Erinnerungen. In Erinnerungen verloren. Nur an den Inhalt denken und selbstvergessen Lächeln müssen. Ob der Finder die Details zu schätzen wusste? Melancholie pur. *seufz*

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