Geschenke | Saša

6. Februar 2008 von Saša Stanišić

Eine Modelleisenbahn. Ich weiß nicht mehr von wem. Keine Weichen, kein Bahnhofshäuschen, keine Männlein, die herumstehen und Hut tragen, keine Stadt, kein Tunnel. Die Schönheit der Schlichtheit. Es ist überliefert, dass meine Faszination für das Ding etwa eine Woche gehalten hatte. Die Hälfte dieser Zeit soll ich damit verracht haben, mir immer neue Wege auszudenken, den Zug entgleisen zu lassen.

Eine goldene Kette mit Ankeranhänger. Von Oma. Ich habe sie nie getragen. Sie liegt in Leipzig, in einer schwarzen Schachtel in der obersten Schreibtischschublade. Die Oberfläche der Schachtel ist weich. Ich habe Oma gerade angerufen. Sie erinnert sich an die Kette. Warum ein Anker. Sie weiß es nicht. Der Anker ist schön, sagt sie. Ich sage, Serbien und Präsidentenwahl. Alles Verbrecher, sagt sie. Wann ich sie besuchen komme. Ich weiß es nicht.

Ein Hamster, namens Bijela (”Weiße”). Von meiner ersten Freundin in Deutschland. Bijela war trächtig und bekam augenblicklich Junge. Bis auf zwei, die meine Freundin behielt, gaben wir sie Freunden. Bijela starb, wie alle Hamster, an Stresskrebs. Wir haben sie in Heidelberg begraben, im Stadtteil Emmertsgrund. Von ihrem Grab hat man die Aussicht auf eine Hauswand. Meine Freundin und ich haben eine Fahrradtour durch Portugal gemacht, am Bodensee jonglieren gelernt und in Dresden ihre Großeltern besucht. Wir durften nicht im gleichen Zimmer schlafen und hatten leisen Sex, obwohl beide Großeltern extrem schwerhörig klangen. Auf einem Foto aus unserer Heidelberger Zeit sitzt sie im Weinberg, in dem wir uns auch kennengelernt hatten, und sieht mich lachend an. Von dem Weinberg hat man eine großartige Aussicht auf das Neckartal.

Ein Gemälde, darauf eine Tür. Von H., dem Trauzeugen meiner Eltern, zum Magister. Hinter der Tür die Welt. In Deutschland steht dir mit einem Studienabschluss die Tür zur Welt offen, musst dich nur geschickt verkaufen können. Er hat das Gemälde in der Altstadt von Sarajevo gekauft. Wir waren spazieren, meine Eltern, er, ich. Er habe etwas vergessen, treffe uns da und da. Dann kam er mit dem Gemälde. Später im Kino. Das Gemälde lehnt an der Wand. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was wir gesehen haben. 1997. H. war gerade aus Deutschland abgeschoben worden. Er sprach leise. Ein Jurist, der in Bonn Krankenhaustoiletten geputzt hat. Ein kluger Mann, großherzig, ein Junggeselle.

Ein Amazon-Gutschein von meinen Eltern über 100 Euro. Zu Silvester 2008. Ich habe mir davon gleich Bettzeug gekauft und vorgestern ein Buch (Nice Big American Baby. EUR 12,99). Das Buch ist gerade versandt worden. Ich habe meinem Vater zu Silvester ebenfalls einen Amazon-Gutschein geschenkt. 50 Dollar. Und meiner Mutter das ”Pinzon Santoku Knives and Bamboo Cutting Board Set”. Durch Amazon. Sie sagt, die Messer sind in Ordnung. Mein Vater hat sie geschärft.

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


WordPress database error: [Table './literatur_wp/wp_ss_stats' is marked as crashed and should be repaired]
INSERT INTO wp_ss_stats (remote_ip,country,language,domain,referer,resource,platform,browser,version,dt) VALUES ('38.107.179.229','','en-us','','','/archiv/281','','Crawler/Search Engine','',1328607198)