Ahn, Ahnen, Ahnungen. | Ben

6. Februar 2008 von Saša Stanišić

Über der alten Schiffstruhe hängt Johann Caspar Lindenberg in Öl. Riesig und brüchig, seine schmalen, lustigen Augen verfolgen mich durch den Raum. Ich stelle mich in die linke Ecke des Zimmers und lehne meinen Kopf gegen die Fensterscheibe, Lindenberg sieht mich an. Ich laufe rüber zur Tür, öffne sie, stelle mich raus in den Flur, Lindenberg sieht mich an. Lindenberg verfolgt mich, so wie mich alle meine Ahnen verfolgen. Lindenberg war Bürgermeister von Lübeck während der Franzosenzeit, Napoléon hatte die Stadt am 28. November 1806 zu seinem Besitz erklärt, die bestehenden Behörden jedoch anerkannt. Kurz darauf wurde der Handel mit England verboten, weil Napoléon ein wenig beleidigt war wegen Trafalgar, und Lübecks Hafen sah nur noch halb so viele Schiffe anlegen wie in den Jahren zuvor.

Hundert Jahre nach dem Ende der Franzosenzeit wurde mein Großvater geboren, zunächst ein Dreikäsehoch mit schmalen, lustigen Augen und ordentlich Schalk im Nacken, später ein Oberst im Generalstab mit schmalen, lustigen Augen und einer Stadt an der ukrainisch-polnischen Grenze unter seiner Kommandantur. Mein Großvater und Ur-Ur-Großvater hatten eines gemeinsam: Sie mussten eine Stadt verwalten. Über den einen kann man im Internet lesen, er werde in der Erinnerung der Lübecker fortleben wegen der Würde, mit der er die Stellung der Stadt in schwerster Zeit gegenüber der Fremdherrschaft wahrte. Der andere wird als Eichenlaubträger auf fragwürdigen Ritterkreuzseiten geführt.

Ich betrete die Lübecker Marienkirche durch das Hauptportal und spreche den Betreiber des Souvenirshops an, ich frage: „Hier in der Kirche soll ein Portrait vom ehemaligen Bürgermeister Lindenberg hängen. Können Sie mir sagen, wo ich das finde? Tischbein soll das gemalt haben.“ Der Mann schaut seitlich aus seinem weißen Häuschen ins Kirchenschiff, als könne er aus der Entfernung irgendwas erkennen, und antwortet: „Lindenberg? Lindenberg. Also von einem Lindenberg weiß ich nichts. Sind Sie sicher, dass er in dieser Kirche hängt?“ Ich bedanke mich und suche die Seiten- und Grabkappellen ab, unter all den Epitaphien kein Lindenberg. Beim Rausgehen entdecke ich ihn endlich, er hängt hoch oben über dem Souvenirshop im Eingangsbereich und sieht mich aus schmalen, lustigen Augen an. Ich gestikuliere, bis mich der Mann im Häuschen bemerkt, ich deute über ihn an die Wand, aber er lächelt und nickt nur, als erzählte ich ihm nichts Neues.

Eine dunkle Winterostsee quirlt kleine, weiße Schaumkronen an ihre Oberfläche. Die Urne schaukelt im Takt der Wellen und verliert ihre Blumen zu einem Teppich. Am Horizont der Timmendorfer Strand, hinter uns lässt sich die Bausünde des Travemünder Maritim Hotels auch vom Nebel nicht verschlucken. Ich sehe die Überreste meines Großvaters langsam versinken. Zwei Jahre zuvor stand ich mit ihm vor seinem Geburtshaus in Lübeck. Er deutete auf ein Doppelfenster und sagte: „Dort bin ich geboren.“ Eine weiße Gründerzeitvilla, aufgeteilt in drei Wohneinheiten. Mein Großvater zeigte auf die Treppenstufen, die zur Eingangstür hochführen: „Das Bild von meinen Eltern ist hier aufgenommen worden. Sie stehen unter dem Vordach, wir Kinder sitzen hier vorn auf der Treppe.“ Ich hatte keine Ahnung, von welchem Photo er sprach. Als die Urne nicht mehr zu sehen ist, läutet der Kapitän drei Mal die Schiffsglocke, kurz darauf kämpft sich das Schiff mit Hunderten Pferdestärken Richtung Hafen.

In meiner Familie gab es einen Bürgermeister, einen Großindustriellen, einen Wehrmachtsoberst und mehrere KZ-Häftlinge, es gab einen protestantische Pastor jüdischer Abstammung, vier Kranbauer und diverse Krankenschwestern, einen Breslauer Stadtschulrat, einen Augsburger Theaterregisseur, Kolonialwarenhändler und Versicherungskaufmänner. Es gibt so viele Geschichten, Lebenswege, dass ich, wenn mich jemand fragt, woher ich komme, lieber antworte: Frankfurt am Main.

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