So lange man kann | Saša

7. Februar 2008 von Saša Stanišić

Der mir bekannte Stammbaum meiner Familie ist ein Bäumchen. Der jüngste Ast ein Cousin in Zavidovići, er hat eine Freundin und kann gut Fußball spielen, der höchste meine Oma K. in Višegrad. Ein Olivenbaum. Wegen des Kurzen und Immerkrummen. Aber ein Olivenbaum würde den mir bekannten Stammbaum meiner Familie jederzeit in jeder Sportart weghauen.

Ich rufe Oma an.

Oma, Ur-Oma?

Saša, du rufst zum zweiten Mal in einer Woche an, bist du krank?

Nein, Ur-Oma.

Ach, Ur-Oma … da gibt’s nicht viel zu sagen.

So geht das häufig. Meine Oma erzählt wenig “von früher”. Ist aber auch richtig, man kann nicht erwarten, einfach irgendwo anzurufen und hundert Geschichten zu bekommen, die man dann nur noch auf Kommafehler überprüfen muss, damit die druckreif sind.

Kommst du mich besuchen?, fragt Oma, und mir ist es wie immer äußerst unangenehm, sagen zu müssen, zu viel zu tun, da Oma natürlich weiß, dass ich das, was ich angeblich tue, auch auf Mars tun könnte, wenn da jemand eine Steckdose montieren würde.

Dann aber sagt sie: Das waren Mamas letzten Worte - kommst du mich besuchen? Weißt du, deine Ur-Oma war still, eine stille Frau. Hatte nicht viele Freuden im Leben und auch nicht viele Freunde. Ganz selten gelacht hat sie. Ich frag mich, von wem wir Kinder das überhaupt gelernt haben. Dein Ur-Opa, der ist früh von uns gegangen, Mama danach noch schweigsamer geworden. Allein mit uns drei Schwestern. Immer zu tun. Im Haus. Im Hof. Mit uns. Der Acker, am schlimmsten der Acker. Die Deutschen: wir kaufen dir Kartoffeln ab. Die Kommunisten: der Acker gehört jetzt allen. Da waren wir schon aus dem Haus, aus dem Dorf, da war sie längst allein. Hat sich aber nie beschwert. Und auf dem Sterbebett: kommst du mich besuchen?

Wen hat sie gemeint, frage ich, dich?

Das Sterben, sagt Oma, das ist so eine Sache. Nie weißt du, wer noch so alles anwesend ist. Egal, welche Religion Recht hat, irgendjemand ist sicher da. Dabei war Mama gar nicht gläubig. Nur still war sie, eine stille Frau, die wenig Besuch bekam.

Wir legen auf.

Ich bin in Graz. Das Internet in dem Café ist unglaublich langsam, die Mur schnell, ach Flüsse, ihr.

Ich habe Anfang April etwas Zeit. Zeit, Oma besuchen zu gehen.

Eine Reaktion zu “So lange man kann | Saša”

  1. enibas

    Gestern lass ich ein Interview mit der sehr großartigen Tilda Swinton.
    Sie antwortete auf eine Frage nach ihrer schottischen Adelsfamilie, deren Wurzeln wohl in das 9. Jh. rückführbar sind:
    „Alle Familien sind alt.“

    Meine Familie lässt sich nur bis zum Ururgroßelterndasein zurückverfolgen. Eine Familie voller Bauern und - so wird berichtet - technikbegeisterter Landmaschinenhändler. Eine uneheliche englische Adlige soll mal aus Liebe einem meiner Ahnen in die Stammbaumlosigkeit gefolgt sein, dass ist aber nicht wirklich nachweisbar und deshalb eine Mär..
    Wichtig scheint in der Erinnerung meiner ziemlich verzweigten Familie aber nur meine Großmutter zu sein, die all ihre Kinder, Enkel und Urenkel in unendlicher Güte liebte und von allen geliebt wurde.
    Sie floh ‘45 vor den Russen mit fünf kleinen Kindern ohne ihren Mann, der aus der Gefangenschaft auch nicht mehr heimkehrte. Sie hatte nie wieder eine Liebe und zog ihre Kinder als Flüchtlingsfamilie in dem flüchtlingsfeindlichen Dorf auf, in dem auch ich später unfeindlich groß wurde.
    Bis vor einem Jahr glaubte ich, dass auch mein Großvater ein wundervoller Mann gewesen sein musste. Meine Oma hatte mir erzählt, dass sie sehr verliebt waren und er am meisten mochte, wenn sie im Garten war und ein Lied pfiff. Ich stellte mir dann immer vor, dass sie sich im Garten unter einem Brombeerstrauch geliebt hatten.

    Vor einem Jahr erzählte mir mein Vater, dass soweit er weiß mein Großvater ‘44, obwohl meine Oma zum sechsten mal, diesmal mit meinem Vater, hochschwanger war, sich als Ortsvorsteher(!) noch einmal verpflichtete, dem Ruf der Wehrmacht zu folgen.
    Ein Nachbar hatte sich geweigert, und so ging er als Vorbild für das Dorf und die Nation ein zweites Mal in den Krieg, obwohl er nicht gemusst hätte, weil er schon 44 war und schon ‚gekämpft’ hatte. Auch, weil er glaubte, die Zukunft für ihn und seine Kinder liege im Osten.
    Ich schämte mich für meinen Großvater.
    Mein Vater sagte zu mir, dass man es nicht wissen könne und er vielleicht, wenn er früher geboren und groß geworden, ja sicher auch in der Hitlerjugend gewesen wäre, weil die Leute damals so geprägt waren und wir ja vielleicht jetzt halt nur Glück haben, dass der Unsinn für uns schon vorbei war. Meine Oma hatte damals in ihrem Heimatdorf trotz ihres vorbildlichen Mannes ein wenig Stress, weil sie den Hitlergruß nicht ausführte. Nicht, weil sie im offenen Widerstand leben wollte, sondern, weil sie das entsetzlich peinlich fand, diesen Gruß.

    Ich bin ein Kind, ich wünsche mit, dass meine Vorfahren gute Menschen waren.

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