Wir besuchen jetzt Hank | Ben

7. Februar 2008 von Saša Stanišić

Bukowskis Witwe ging mir bis zur Schulter. Sie stand in ihrem Wohnzimmer neben einem großen Kanu und sagte: „Kommt Jungs, wir besuchen jetzt Hank.“ Hank liegt auf einem Friedhof mit Blick über San Pedros Hafen, sein Grabstein ist flach und in die Erde eingelassen, darauf ein Boxer mit dicken Handschuhen. Schwarz eingraviert: Don’t try. Bukowskis Witwe legte ein paar gelbe Sonnenblumen neben gelbe Sonnenblumen und sagte: „Jeder weiß, dass Hank gelbe Sonnenblumen mochte.“ Ob sie das Grab oft besuche, fragte Falko Hennig und hielt Bukowskis Witwe ein Aufnahmegerät hin. Sie drehte den Kopf weg und flüsterte: „Manchmal bleibe ich die ganze Nacht.“ Der Pförtner sei ein Fan ihres Mannes und lasse sie beim Grab ausharren. Er schließe sie ein, obwohl das natürlich verboten sei, eigentlich dürfe sich niemand nach 20 Uhr auf dem Friedhof aufhalten. Ob sie ihren Mann in diesen Nächten spüren könne, wollte Falko Hennig wissen, ob sie eine Präsenz des Toten wahrnehme, und Linda drehte den Kopf wieder zu ihm, sah auf das Aufnahmegerät in seiner Hand und sagte lachend: „Nein.“

„Die Sommer in Phoenix sind einsam“, sagte Bukowskis Ex-Freundin, „es ist einfach zu heiß hier. Die meisten verlassen die Stadt und arbeiten im Norden, vor allem im August trifft man kaum eine Menschenseele.“ Falko Hennig und ich saßen auf ihrem alten Sofa und tranken widerwillig Bier. Über Lindas Kopf ragte ein Kasten aus der Wand, der ungeheuer viel Lärm machte. Ein Luftbefeuchter, hatte sie uns bei der Begrüßung erklärt, für eine Klimaanlage fehle ihr das Geld. „Und was wollt ihr Jungs hier bei mir in Phoenix?“ Falko Hennig antwortete: „Wir recherchieren für einen Artikel.“ Auf dem Couchtisch vor uns die Tonbüste Bukowskis, sie habe davon bislang fünf Bronzeabgüsse fertigen lassen, für 2500 Dollar könne man jederzeit eine von ihr kaufen. Sie habe nicht nur Bukowski modelliert, auch von Ginsberg, Kerouac, Locklin und John Thomas gebe es Büsten, nur brächten die wesentlich weniger Geld.

Bukowskis Witwe lief mit einer Rotweinflasche in der Hand durch den Garten. Am Buffet hatten sich die Gäste versammelt, Michael Montfort projizierte zu Ehren des Geburtstagskindes Photos gegen die Hauswand. „Hank hat immer behauptet, 80 Jahre alt zu werden. Heute wäre es soweit gewesen, aber es hat nicht gereicht“, sagte Montfort und zeigte auf den Whirlpool: „Seine größte Sorge war, eines Tages im Blubberwasser zu sterben. Das hätte sich auch nicht so gut in den Feuilletons gemacht: Gossenpoet erleidet Herzinfarkt im eigenen Whirlpool.“ Später kam Bukowskis Witwe mit dem tragbaren Telefon auf die Terrasse gerannt: „Es ist Sean! Es ist Sean! Sean sagt Hallo zu euch allen!“ Montfort lächelte: „Linda ist ganz verrückt wegen Sean Penn. Sean Penn und Madonna haben sich nur wegen Hank getrennt. Madonna konnte es nicht mehr aushalten, dass sich ihr Mann den ganzen Tag betrunken hat. Zu Linda hat sie einmal gesagt: Dein Mann hat unsere Ehe auf dem Gewissen.“

„Ich bin mit der Büste mal zu den Hellseherinnen unserer Kirche gegangen, ich habe Hank mitgenommen zu unserem Montagstreffen“, erzählte Bukowskis Ex-Freundin. „Da haben die geschrieen: Bring diesen Kopf hier raus! Das ist ein böser Mann, ein böser Mann!“ Falko Hennig fragte: „Können sie denn hellsehen, Linda, sie auch?“ Linda lächelte verlegen. Sie sei in Therapie gewesen, sie habe sogar ein Jahr in der Psychiatrie verbracht. Niemand habe ihr glauben wollen, also habe sie irgendwann so getan, als sei sie wieder normal. Heute spreche sie vor allem mit den Toten. „Auch Hank besucht mich manchmal. Er sagt, ich solle auf Pferde wetten, aber ich schicke ihn zurück zu seiner Frau.“ Zum Abschluss frage ich Linda, ob sie mir eines ihrer Bücher signieren würde, vielleicht den Band, den sie gemeinsam mit Bukowski geschrieben habe. Und als sie mich um einen Stift bittet und fragt, was sie denn schreiben solle, antworte ich: „Etwas persönliches.“

Bukowskis Witwe führte uns durch das Arbeitszimmer. Vom Balkon aus konnte man den Hafen von San Pedro sehen, im Aschenbecher auf dem Schreibtisch lag eine angerauchte Zigarette. „Ich habe hier nichts verändert“, sagte Linda, „alles ist genau, wie Hank es verlassen hat.“ Sie bekomme heute so viel Post von Fans, dass sie beschlossen habe, auf gar nichts mehr zu antworten. „Die Leute wollen doch immer nur was haben: Rechte, Originale, solche Dinge.“ Auch mit den meisten Zeitungen spreche sie nicht mehr, zu oft sei sie mit Linda King verwechselt worden, Bukowskis Ex. Wir verabschieden uns im Morgengrauen. „Kommt bald wieder!“ Linda steht in der Tür und deutet auf einen schwarzen Honda vor der Doppelgarage. „Den hat Hank noch gekauft, die Idee mit dem Nummernschild ist von mir!“ Auf dem Nummernschild steht in dicken, schwarzen Lettern: Buked.

To Ben: Your father says to get busy and write if a writer you want to be. He approves. He says: I am here Ben, do you know how much I liked the dog? – Green the grass, yellow the sun, blue the sky, brown the earth. Black is death, red is passion, purple healing. Happyness is the finger nerve along the keyboard creating words and lines. Writing is a life line. Come back to the heat, L.K. 8-26-2000

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