Nr.43
30. Oktober 2006 von Michael KumpfmüllerIn der heutigen FAZ Interview mit dem Deutschlandkorrespondenten von „Al Dschazira“, Aktham Suliman, über die vorübergehend abgesetzte „Idomeneo“-Inszenierung an der Deutschen Oper. Schönes Beispiel für Projektionen und ihre Folgen. Wir machen uns ein Bild, aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Tatsächlich hat sich die arabische Welt für den deutschen Opernskandal nicht besonders interessiert. Frage FAZ: Einen eigenen Bericht über die Opern-Debatte haben Sie nicht gemacht? Antwort Suliman: Nein. Was hätte ich meinem Publikum auch sagen sollen? Da gab es eine Oper, die ist abgesetzt worden, weil vielleicht Muslime von einer Szene beleidigt werden könnten. Mein Chefredakteur hätte da sofort gefragt: “Wer war beleidigt? Wo sind die Kritiker der Oper?” Ich hätte antworten müssen: “Es gibt keine Beleidigten, aber die Polizei geht davon aus, dass es vielleicht welche geben könnte.” Das ist doch keine Nachricht. Interessant war etwas anderes: Als wir die Oper kurz erwähnt haben und dafür auch ein paar Sekunden lang die Bilder der abgeschlagenen Köpfe zeigen wollten, mussten wir feststellen, dass der Preis für die Rechte an den Bildern innerhalb kürzester Zeit sehr gestiegen ist. Ein merkwürdiger Markt. - Auch die Bilder von den Totenschädeln, mit denen Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan posierten, seien für die arabische Welt inzwischen “keine Überraschung” mehr. Eine lange Reihe von Provokationen, begonnen mit den entsetzlichen Bildern von Abu Ghraib, führe auch zu einer “gewissen Abstumpfung”. Frage FAZ: Es heißt immer wieder aus Afghanistan, die deutschen Soldaten dort genössen höheres Ansehen als die Amerikaner. Antwort Suliman: Ich fürchte, das ist ein Wunschtraum. Ich kann ihn gut verstehen, er hat viel mit der deutschen Vergangenheit zu tun und mit dem Mythos, die Bundeswehr sei eine Truppe von Entwicklungshelfern in Uniform. In der Realität werden deutsche Soldaten im Nahen Osten als Teil des Westens wahrgenommen, nicht besser oder schlechter als Amerikaner, Franzosen oder Engländer. Ich habe jedenfalls noch nie von einem Selbstmordattentäter gehört, der seine Bombe nur deshalb nicht gezündet hat, weil er kurz vor dem Anschlag festgestellt hat, seine Opfer seien Deutsche.
