I am losing rights daily | Ben
8. Februar 2008 von Saša StanišićWenn ich heute noch Gedichte schreiben würde, beinhalteten sie vielleicht Sätze wie:
Der Wind hüllt sich in Plastiktüten
Zeitungen und Abdeckplanen
Über Häuserdächern kleidet er sich
wieder schamlos
in schwarz und rot und gold
er dreht Pirouetten in Hinterhöfen
er tanzt dort ganz ungestört
mit dem Feinstaub meiner Jugend
Deshalb schreibe ich keine Gedichte mehr. Lieber schreibe ich über Willy Cohn, den armen Herrn Huth oder an Emily. An Emily habe ich gestern geschrieben: I am not afraid of Tom Cruise, but Hillary Clintons tears scare me. Emily verkauft keine Tacos an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, sie sitzt mit ihren bald 30 Jahren endlich in Hörsälen und hofft, sich auch das fünfte Semester leisten zu können. An Emily schreibe ich Sachen wie: Our Governor wants us to pay for university too. He has the face of an acne-scarred baby, a very mean and demanding baby, and has just lost an election. Am Ende meiner E-Mail steht: The Whitest Boy Alive: Go and buy that album!
Emily ist die Tochter des Bruders meiner us-amerikanischen Gastmutter. Das macht sie zu meiner Gastcousine. Als ich Emily kennen lernte, saß sie in Idaho auf einem Häuserdach und schlug Nägel in Teerpappe. Sie wollte Carpenter werden, Zimmermann. Damals war sie 15 Jahre alt. Ich stand mit ihrem Vater unten vorm Haus und hielt meine Handfläche zwischen Sonne und Augen. Es war ein viel zu heißer Augusttag, und Doug rief seiner Tochter zu: „C’mon pumpkin, we gotta go to Grandma’s house.“
Ein Jahr nach unserem ersten Treffen besuchte ich sie am Drive-Thru Schalter von T.C.B.Y.s. Ich bestellte White Chocolate Mousse und sie zitierte Joe Pesci: They screw you at the drive-thru! Bei meinem letzten Besuch dann hatte sie Klage gegen ihren Arbeitgeber eingereicht, einen Baumarkt. Sexual-harassment, Ben, sagte sie damals, is a huge problem in our country. People are so afraid to lose their jobs, that they will cope with almost anything. I won’t have any of that bullshit.
Emily hat gespart. Sie hat in einer Autowerkstatt gearbeitet, bei den Nachbarn der Umgebung jahrelang Rasen gemäht, bei Starbucks Milch aufgeschäumt und bei sämtlichen Fast-Food-Ketten den Nachtschalter betreut. Sie sagt: I wouldn’t eat in any of those places. Except Kentucky Fried Chicken, they have the best cleaning policy. Erst die Klage gegen den Baumarkt hat ihr genug Geld gebracht, um ein paar Semester aufs College zu gehen.
Von Emily weiß ich, dass man seinen Kopf oben behalten und das Schicksal niederstarren kann. Von Emily habe ich gelernt, welchen Wert frei zugängliche Bildung hat und dass kein Mensch zwei 8-Stunden-Schichten hintereinander arbeiten sollte. Ich sehe Emily auf der Couch im Haus ihres Vaters sitzen. Es ist 8 Uhr am Morgen, ihre Schicht bei Arby’s gerade zu Ende, eine Stunde später wird sie in der Autowerkstatt sein. Ich höre mich fragen: Aren’t you tired? und Emily antworten: I don’t know anymore. Am selben Vormittag gräbt Doug im Garten Kartoffeln aus, ich stelle mich neben ihn. Warum er seiner Tochter den zweiten Job erlaube, ob er sich keine Sorgen um sie mache. Er dreht sich zu mir: Emily want’s to go to Europe, Ben, let her earn it. 2002 war sie da.
Emily hat mir immer Mut gemacht, dabei hätte es eigentlich umgekehrt sein müssen. In einer Mail von 1997 schreibt sie: You write good poetry, Ben. I believe in you. In der selben Mail sagt sie über ihren Freund und jetzigen Verlobten: He is a great rapper, he is going to be the next Eminem.

Am 12. Februar 2008 um 18:33 Uhr
Der Nebel des Trugs ümhüllt das Auge, es scheint als ob - doch ist es nicht. Der müde Wandrer scheitert erbärmlich, nicht mal auf das erwarete ist Verlass. Was soll ich tun ich weß es nicht. Das Drama nimmt seinen lauf. Der süße Friede kommt nicht allzuschnell.