Images of the past, alles in den Müll geworfen | Ben
9. Februar 2008 von Saša StanišićMeine Tante bat mich in die Wohnung, ich nahm auf einem Küchenstuhl Platz. Es gab einen Löffel Jacobs Kaffee in ein Glas heißes Wasser, genau wie zu Hause. “Du bist ja so groß wie dein Vater”, freute sie sich, obwohl das nicht stimmt. Meine Tante heißt Toni, ich fragte beinahe entschuldigend: „Toni, hast du etwas Zucker für mich?“ Sie verstand mich nicht, drehte mir ihr linkes Ohr hin, sagte: “Ich habe zwei Hörgeräte, ein schlechtes und ein gutes.” Dann zeigte sie auf den Stecker in ihrem Ohr: “Das hier ist das schlechte.” Kurz darauf verschwand sie im Flur und kam mit einem großen Kopfhörer zurück, dessen Kabel in einen kleinen schwarzen Kasten mündete, auf der Oberfläche deutete Schaumstoff ein Mikrophon an. Sie drückte mir den Kasten in die Hand und sagte: “So wird es besser gehen.” Wir fingen mit Breslau an.
“Ich bin mit der Reichsbahn von Berlin nach Breslau gefahren und habe mit deinem Vater und Albrecht in einem Zimmer übernachtet. Uli und Albrecht mussten sich immer ein Zimmer teilen, Helmut hatte eines für sich alleine. Helmut war ein bisschen sensibel und wurde mit Samthandschuhen angefasst. Es gab damals noch nicht viele Radios, aber die Lauterbachs hatten eins. Wir haben nachts heimlich zu dritt vor dem Radiogerät gesessen und unsere Ohren an den Lautsprecher gedrückt. Dein Vater hat die Sendung kommentiert, bis wir lachen mussten. Dein Vater hat so lange kommentiert, bis deine Großmutter unser Lachen gehört hat und wütend ins Kinderzimmer kam. Deine Großmutter hat mal ein Theaterstück nur in Reimform geschrieben, wusstest du das? Lotte war eine kluge Frau.” Während Toni gesprochen hatte, war es mir gelungen, den Minidisc Player aus meiner Umhängetasche zu holen und auf meine Knie zu legen. “Über den Uli kann dir die Rosemi erzählen, die weiß da viel mehr als ich. Rosemi war bis nach dem Krieg in Berlin, bis 1947, bis sie den Harry geheiratet hat. Die hat das alles überlebt, mitten in Berlin. Und der Harry war in Breslau mit deinem Vater in einer Klasse.” Während Toni erzählte, nippte ich so langsam am Kaffee, dass ich gut die Hälfte davon kalt trinken musste.
Auf dem Sofa am anderen Ende des Raumes saß eine Philippinin, klein, stämmig, mit einem sehr runden Gesicht. Sie hielt den Golden Retriever meiner Tante am Halsband fest, ein sehr dickes, aber dennoch schönes Tier. Der Philippinin war von Toni bei meinem Eintritt in die Wohnung ein Name gegeben worden, den ich sofort wieder vergessen hatte. Die Philippinin hilft meiner Tante beim Leben, dafür lebt sie im größeren Teil der winzigen Wohnung mietfrei und bekommt ein Taschengeld. Durch das gekippte Fenster drang der Lärm vorbeifahrender Busse ins Zimmer.
Nach gut zwei Stunden verabschiedete ich mich, weil das Gesicht meiner Tante, in dem es keinen gesunden Quadratzentimeter Haut mehr zu geben scheint, mir ihre Müdigkeit verraten hatte. Vor meinem Abflug hatte meine Mutter gewarnt: “Deine Tante ist 96 Jahre alt, länger als eine Stunde darfst du sie nicht besuchen. Geh lieber zwei Mal hin und fass dich kurz, sonst überanstrengst du sie.” Bei der Verabschiedung hat Toni meine Hand nicht loslassen wollen. Sie stand auf der Türschwelle und sagte: “Ich habe deinen Vater sehr geliebt. Und dich lieb ich auch sehr. Kommst du nochmal wieder?” Ich habe Ja gesagt und mich schnell zum Fahrstuhl gedreht, um nicht weinen zu müssen. „Bis bald!“, habe ich noch aus dem Fahrstuhl gerufen und mich geärgert, weil sich die Fahrstuhltür so langsam schloss und ich mit dem Moment nicht umgehen konnte.
Draußen auf der Straße habe ich geraucht, direkt an der großen Kreuzung, über die im Minutentakt Autobusse rasten, alle paar Sekunden hupte eines der kleinen, sehr zerbeulten Autos. Ich stand dort und habe mich gefragt, ob ich das alles verstehen kann: Die Vertreibung aus Nazideutschland, das neue Leben in einem völlig fremden Land, in dem schon 1933 die Wohnungen knapp wurden, wo Betonklotz an Betonklotz gesetzt wurde und jahrzehntelang Linienbusse und Disktheken in die Luft flogen. Meine Tante Toni aus dem Berlin der 30er Jahre lebt jetzt auf sechs Quadratmetern in der Innenstadt von Tel Aviv. Sie hat keine Photos, keine Erinnerungsstücke mehr. „Alles in den Müll geworfen“, hat sie in mein Mikrophon gesagt, ihr Sohn ist einem Attentat zum Opfer gefallen. Sie hat sich gefragt: „Wofür soll ich das aufheben, all die Photos, Dokumente, für wen?“ Nicht mehr für ihren Sohn, der im Nachkriegsdeutschland wahrscheinlich überlebt hätte, so wie ich leben darf. Toni hätte zumindest die Photos von ihrem Lieblingscousin aufheben können, für dessen Sohn, für mich. Aber dieser Sohn war noch nicht einmal geboren, als ihr eigener Sohn starb.
Ich stand an dieser großen Kreuzung, rauchte und wusste plötzlich, dass ich eine Verantwortung für seinen Tod trage. Ich wusste auch: Begreifen kann ich das nicht, noch nicht, noch schlafe ich gut im großzügigen Hotel mit Meerblick, noch sieht diese Stadt einfach nur wie keine andere aus, noch bin ich glücklich und seit heute Nachmittag sehr traurig zugleich.
