Lieber Ben | Saša
10. Februar 2008 von Saša Stanišićich sitze mit deinem Text und einem Englischen Frühstück im Bistro Take Off am Flughafen in Graz. Das Englische Frühstück im Bistro Take Off kann ich dir nicht empfehlen. Das Rührei ist mehr eine Ei-Brühe, zu feucht und zu hell, der Schinken hat mit einem Tier weniger gemein als du und ich, und die Erdbeerkonfitüre kommt in so einer Plastikverpackung, die auch einen eher umweltunbewussten Menschen wie mich daran erinnert, dass manche Dinge grundsätzlich falsch laufen.
Man hat mir außerdem nur ein Messer gegeben. Das ist sehr ungünstig, wenn man von Stufe 1 des Englischen Frühstücks zu Stufe 2 übergeht, also von Ei zu Erdbeerkonfitüre: kein Mensch kann, ohne gewisser Abneigung, ja Ekel, Erdbeerkonfitüre mit einem angeeiten Messer schmieren, das geht nicht.
Was also machen menschenscheue Gesellen wie wir, Ben, die sich immer so ein bisschen schämen, von jemandem Dinge zu verlangen (die Kellnerin hat ja auch ohne meiner Extra-Wünsche genug zu tun)? Wir schauen uns verstohlen um, als wäre das, was man tun wird, verboten, und wischen die Ei-Reste an der Serviette ab. Ei-Reste an einer Serviette abzuwischen fühlt sich allerdings immens entwürdigend an, und so sitzt man dann da, vor einer gelblichen Pfütze, in der Schinkenschiffchen schwimmen, beißt in trockenes, schon bei seiner Ankunft kaltes Toastbrot, und fragt sich: wann lerne ich endlich, mich zu konzentrieren?
Richtig, konzentrieren. Das Frühstücksdesaster wäre nämlich gar nicht erst möglich gewesen, hätte ich mir meine Flugzeit nicht falsch gemerkt und wäre ich drei Stunden später, also pünktlich, zum Flughafen gekommen. Mein lieber Ben, das Jahr ist erst einen Monat jung, aber ich verpeile meinen Abflug schon zum dritten Mal! Bei meinem vierten Flug! Im letzten Jahr ist es mir sogar ein Mal passiert, dass ich mich im Tag geirrt hatte. Es war auch in Graz, ich saß ich am frühesten Morgen im Taxi Richtung Flughafen, als mir eine Wetteransage im Radio den Mittwoch verriet, der nach dem internen Saša-Kalender aber tags zuvor schon abgehakt war.
„Gnädiger Herr Taxifahrer, meine Verehrung, das ist mir jetzt sehr peinlich, aber wenn heute Mittwoch ist, dann kann ja, praktisch gesehen, nicht gleichzeitig Donnerstag sein, oder? Könnten sie mich bitte zurück in mein Bett fahren?“, habe ich natürlich nicht gefragt (siehe oben: ‚menschenscheu’), sondern mich zum Flughafen fahren lassen. Das nächste Problem gab es vor Ort. Nur ein weiteres Taxi wartete im Taxi-Stand und wir reihten uns dahinter ein. Ich bezahlte, gab, als wollte ich irgendetwas vertuschen, ein astronomisch hohes Trinkgeld, holte meinen Koffer und verabschiedete mich überfreundlich. Und dann stand ich da. Mein Taxi-Fahrer gähnte und spazierte vor zu seinem Kollegen. Natürlich wäre es genau in diesem Moment lässig gewesen, einfach vorzulaufen, ‚nach Graz bitte’, zu sagen und in das andere Taxi einzusteigen. Ich bin aber nie lässig, ich bin ganz im Gegenteil immer so verkrampft und auf Fehlervermeidung justiert, dass ich mich brav in die Wartehalle setzte und eine halbe Stunde wartete, bis endlich eine Maschine landete (die an einem richtigen Tag die meine gewesen wäre) und die beiden Taxis mit neuen Gästen wegfuhren. Anstatt dann aber einfach ins nächste Taxi einzusteigen und diesen unlustigen Ort mit seinen unlustigen Rühreiern zu verlassen, beschloss ich, eine weitere Stunde auf den ersten Bus in die Stadt zu warten. Das wiederum ist Teil meiner Philosophie, mich nach Gelungenem zu belohnen (meist mit einem Bruce Willis Film) und nach Idiotischem selbst zu kasteien.
Ach, Ben, wärest du doch hier, um das Englische Frühstück zu kommentieren! Jemand meinte letztens, über Essen zu reden, das sei das Spießigste überhaupt, weil es da, wie bei allem Spießigen, auch bloß um Anschauen und Behaupten gehe. Schon recht, ich würde aber trotzdem wirklich sehr gerne den gegenwärtigen Ei-Zustand für dich fotografieren: in der, im Grunde nicht unsympathischen Morgensonne kann man aus einem bestimmten Winkel kleine regenbogenfarbene Ölflecken auf dem Ei-Saft erkennen. Leider habe ich aber meine Kamera zu Hause vergessen (sowie übrigens auch das Handy-Ladegerät, den MP3-Player und die externe Festplatte – so viel zu meinem klugen Plan, alle technischen Geräte auf einen Haufen zu schmeißen, damit ich sie ja nicht vergesse …).
Um mich herum hüpfen fröhliche bulgarische Knaben. Sie halten nichts von Schuhen, ihre weißen Socken an den Sohlen schon ganz grau. In solchen Momenten würde ich ja gerne hingehen und die Kinder aufklären. Dass ich vorhin harnen war, würde ich sagen, an einem Ort, wo vor mir hundert andere Männer geharnt hatten; ich wurde klarstellen, dass wir Männer alle, egal wie sehr oder ehrlich wir uns bemühen, präzise zu harnen, immer ein bisschen danebenharnen und also dann mit unseren Schuhen im Harn der anderen und eben nicht nur im Harn watschen und das alles, was sich da so in den Ritzen gesammelt hat – Ritzen ist ein ganz wichtiges Wort für jede Aufklärung –, nach oben tragen und schön über den Grazer Flughafenboden und auch im Bistro Take Off verteilen, wo sie jetzt die schnellsten kleinen Flitzer der Welt sind, dann aber zu Hause vielleicht auch mal gern mit den Socken aufs Sofa klettern etcetera. Aber ich weiß natürlich, dass man sich nicht in Erziehungsmethoden bulgarischer Mütter einmischen darf und überhaupt, jetzt die volle Breitseite Dreck abzukriegen, härtet doch nur ab, so war es auch bei mir, mein Gott, wir haben Schiffchen aus Abfall gebaut und im brackigen Regenwasser Donauschifffahrt gespielt, gleich neben überquellenden Müllcontainern, und das einzige, was davon Schaden genommen zu haben scheint, ist meine Konzentration.
Ach! Man hat sich endlich mit meinem Teller erbarmt; er wurde zum Abwasch abgeholt! Und Zeit ist vergangen, Ben – zwei volle Stunden schon schreibe ich dir, eine ganze Woche haben wir uns geschrieben. Genau jetzt, hast du gemerkt: kleine Wehmut. Das kommt von dem „uns“ und von dem schönen Parallelismus, Parallelismen sind Gefühlsgaranten. Kein ungutes Gefühl, wenn Dinge zu Ende gehen, nicht mehr. Früher stärker, komisch.
Gestern Abend, weißt du, das erste Mal auch plötzlich die Aufregung wegen meines Stücks im Bauch. Der Moment, da man realisiert: oha, es ist ja bald so weit, das Ding wird es wirklich geben, aus dem Herumgekaspere auf Papier wird bald auf der Bühne herumgekaspert, es fehlt eigentlich nur noch eine Szene mit Bruce Willis und eine Verfolgungsjagd mit Kunstblut. Tom Kühnel, der Regisseur, hatte eigentlich nur beschrieben, wie er die Schauspielerwege bei einer kleinen Szene sieht, und als ich mir dies dann bildlich vorstellte, kamen die Schmetterlinge.
Sinnlich vorstellen konnte ich mir so Vieles von dem, was du erzählt hast, Ben. Die hupenden kleinen Autos, über die ich eigentlich meinen letzten Text schreiben wollte. Wie ich an einem Abend in Tel Aviv letztes Jahr von jungen Leuten in einem kleinen Fiat mitgenommen wurde in eine nächste und dann in noch eine nächste Bar. Wie wir über unsere besten Konzerte sprachen, wie ich, weil ich keine besten Konzerte habe, von Thomas’ bestem Konzert erzählte, den er immer parat hält in seiner Geschichtentasche, wenn es darum geht, die besten Konzerte zu haben. Ich hatte die vier zufällig beim Abendessen kennengelernt, so was passiert mir ja eigentlich nie, meistens laufe ich ruhelos durch irgendwelche Städte und bilde mir ein, wie schön es wäre, nicht allein ruhelos zu sein und jemanden zum Kaffee einzuladen. Und wie eines der Mädchen, dessen Namen ich nicht mehr weiß, übergangslos und mit gleicher Selbstverständlichkeit von einem Interpol-Konzert in Berlin erzählte und dann von ihrem Militärdienst in besetzten Gebieten. Besetzt ist jetzt ein Wort, das sie nicht benutzt hat.
In meinem ersten Text habe ich von dem kindlichen Bemühen gesponnen, die Welt in ihrer Mannigfaltigkeit zu greifen und zu begreifen, das Schicksal an sich zu reißen oder zumindest seine Wege zu durchschauen. Kindliche Allmachtsfantasien; ihr Motor ist Lust auf Mehr und Sehnsucht nach dem Verstehen. Mehr Welt, mehr Liebe, mehr Spiel, mehr Produkt – die Welten verstehen, andere Lieben verstehen und so weiter.
Heute noch ist die Wunscherfüllung die einzige Magie, an die ich wirklich und wahrhaftig glaube. Und auch das Spiel mit der Identität zählt nicht minder als damals, ist nicht minder spannend. Ben, wir sind, kurz und nachträglich, kleine Lebensstrecken des Anderen mitgegangen. Wir haben darin nicht mitgespielt, das tun wir beim nächsten gemeinsamen Bier irgendwo, aber wir haben Brücken geschlagen und auf den Brücken haben wir dann gespielt. Mit der Landschaft, mit den Ahnen, mit Ahnungen, was den anderen ausmacht, und was davon bei einem selbst zu finden ist. Wir haben teilgenommen an zwei privaten Unendlichkeiten, an biografischer Konstruktion, ihrer vielleicht fiktionaler Verklärung, vielleicht radikaler Offenbarung.
Was hat die gewählte Form anzubieten, was ein aufgenommenes Gespräch nicht geben würde? Offensichtlich den ästhetischen, aber auch rein plastischen Mehrwert durch die Fotos. Die, wie auch immer geartete Literarizität vielleicht, die dem Mündlichen weitgehend abgehen würde. Den latenten Anspruchsdruck, d.h. den Zwang, nicht zu schludern, weil da noch ein zweiter da ist, der mittut, und – wie in deinem Fall bei dem ersten Post – die Latte so hoch setzt, dass man plötzlich Muffensausen kriegt und sich doch auch mal fünf Stunden für einen Text nimmt. (Es war ja eigentlich Größenwahn gewesen, zu glauben, ganz schnell mal täglich einen lesenswerten, motivierten Text zu produzieren.)
Vieles Wichtigeres als all das passierte auf der inhaltlichen Ebene, auf der sich unsere „Linien“ kreuzten und von uns gefärbt wurden. Die Regenbogenflecken im Öl, das Anrempeln durch Motive. Das eigentlich Artifizielle also, das entstand, indem wir permanent fremdes Sagen und Meinen, fremden Satz und Bild, fremde Vergangenheit und Erfahrung auf Ansicht und Innensicht abklopfen mussten, um sie in uns selbst zu integrieren. Habe ich etwas Ähnliches erlebt? Rechercheanrufe bei Oma. Lust auf das Fremde in der eigenen Biografie, die durch das Offenlegen des Fremden in einer fremden Biografie entsteht – mein egoistischer Gewinn.
Vielleicht, Ben, haben wir aber auch bloß zwei talkshowreifen Beichten literarischen Schmuck verpasst. Ich meine aber doch, nicht Zeuge gewesen zu sein oder Gast, der in die Kamera spricht, sondern zugleich Gast, Kamera, Zeuge und Moderator, der misslungene Gedichte aufsagt und kitschige Kindheitserinnerungen verbrät.
So, jetzt muss ich aber mal fliegen. Intersky? Kennst du? Die Piloten lassen dich in die Kabine und sagen Namen der Berge an über die man fliegt! Erzähl ich dir mal Genaueres. Bei Gelegenheit.
