Nr.40
17. Oktober 2006 von Michael KumpfmüllerAufgeregte Debatte über die sogenannten Unterschichten. Nicht ganz ein Zehntel der Bevölkerung sieht keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr, sie steht oder fühlt sich im Abseits. Für die SPD-Linke ist die Politik der Regierung Schröder daran Schuld, inbesondere die Hartz-IV-Gesetzgebung. Das ist aus mehreren Gründen ebenso interessant wie abwegig, aber für die Linke eben leider auch typisch: Sie redet, mit Marx gesprochen, über Überbau-Phänomene. Politik ist Überbau, die Basis aber bekanntlich die Ökonomie, was für eine Linke, die den Namen verdiente, ja heißen müsste: wir beschäftigen uns mit der Realität der golbalisierten Wirtschaft, der rasanten Entwicklung der Produktivkräfte, aber das machen heutzutage andere. Angenehm ungerührt z.B. Nikolas Pieper in seinem heutigen Kommentar in der Süddeutschen: „Die neue soziale Frage hat in erster Linie ökonomische und nicht politische Gründe. Technischer Fortschritt und Globalisierung haben überall in den alten Industrienationen Millionen von hochwertigen Arbeitsplätzen gekostet.“ Und weiter: „Wer ein Gefühl für den Prozess bekommen will, muss nur einen beliebigen Gebrauchsgegenstand betrachten: ein CD-Spieler ist ein komplexes Produkt mit vielen elektronischen und mechanischen Bauteilen, in dem noch relativ viel qualifizierte Arbeit steckt. Ein iPod dagegen erfüllt die gleiche Funktion, ist aber im Prinzip nichts anderes als ein aus Standardteilen zusammengesetzter Datenspeicher mit hübschem Design. Er sieht besser aus, ist leichter zu bedienen und braucht kaum Arbeit zu seiner Herstellung. Das Beispiel lässt sich auf unzählige andere Produkte übertragen. Es ist daher kein Zufall, dass sich unter den sozial ausgeschlossenen besonders viele Männer finden, die früher in Industriebetrieben ein Auskommen gefunden hätten.“ Mit politischen Allmachtsphantasien und den weit verbreiteten Neidreflexen nach dem Motto: Die geldgierigen Manager sind Schuld, wird man dieser Realität kaum beikommen. Beides ist linker Populismus, klassische Erregungskunst im Zeitalter des medialen Overkills, an deren Rückseite nur Ohnmacht und Gleichgültigkeit gedeihen. Jemand regt sich schnell auf, dafür regt er sich auch umso schneller wieder ab, denn so ganz genau will er es am Ende natürlich nicht wissen. Ignorare (lat.): etwas nicht wissen (wollen). Die Schwester der Empörung ist die Ignoranz.
