Lieber Saša | Ben
10. Februar 2008 von Saša Stanišićich habe heute Nacht nur vier Stunden geschlafen. Ich kam angeschwipst von einem Abendessen und habe mich, weil ich auch in diesen Dingen noch immer Kind bin, morgens um kurz vor zwei meinem neuen Handy gewidmet, Software installiert, erste Nachtaufnahmen gemacht, mich über die schlechte Videoqualität geärgert, die im Internet als herausragend angepriesen wird und mich letzten Endes zum Kauf bewegt hat. Erst um halb fünf lag ich im Bett. Und weil ich aufgedreht und noch immer nicht müde war, habe ich im Tagebuch von Willy Cohn gelesen, einem Breslauer Juden, der geistesgegenwärtig genug war, die Unterdrückungsmethoden der Nazis schriftlich zu fixieren und dafür zu sorgen, dass heute niemand sagen kann, man habe von vielem nichts gewusst. Jeder wusste.
Cohn begegnet alten Freunden in der Straßenbahn, die ihm schon 1934 nicht mehr die Hand geben, aus Angst, man könne sie mit einem Juden in Verbindung bringen. Cohn schimpft auch auf die Assimilierten unter den Juden, die nicht gerade stehen für ihre Überzeugungen oder wenigstens für ihre Wurzeln, er schreibt dagegen vom Durchhalten, vom Sich-Durchkämpfen um der eigenen Kinder willen. Manchmal schreibt er, dass er nicht mehr kann.
Ich bin auf Seite 212 dieses Buches, Cohn hat eine Vortragsreise beendet und ist aus Würzburg zurückgekehrt, am Portal des ehemaligen Johannes-Gymnasiums haben SA-Leute Auszüge aus dem ‚Stürmer’ angeschlagen, und Cohn fragt sich, wann auch die letzten Juden ihre Kinder von der Schule nehmen werden. Cohn ist selbst Lehrer gewesen am Johannes-Gymnasium, er hat dort Harry Steinfeld unterrichtet, der vergangenen Monat in Iowa gestorben ist, er hat auch Ulrich Lauterbach unterrichtet, meinen Vater. Auf Seite 156 steht: „13. September 1934. Breslau, Donnerstag. Einen früheren Schüler, den zweiten Sohn des ehemaligen Stadtschulrats Lauterbach getroffen; er macht eine Doktorarbeit über Herman Bang.“
Der ehemalige Stadtschulrat ist mein Großvater Amandus, verheiratet mit einer Jüdin und deshalb 1933 in den Vorruhestand versetzt worden, genau wie Cohn. Viele Juden waren in den Jahren danach nicht nur arbeitslos, sondern sie verloren aufgrund von Paragraphen auch ihren Pensionsanspruch, Cohn schreibt von Selbstmorden in seinem Umfeld, von den immergleichen Gesprächen auf der Straße, von Mutmaßungen, kurzen Hoffnungsschimmern und der stets darauf folgenden Dunkelheit.
Lieber Saša, es ist nicht angenehm, daran erinnert zu werden, was Menschen anrichten können, stattet man sie mit einem Feindbild und gehörig viel Macht aus. Genauso furchtbar ist es, in einem Buch zu lesen, dessen Ende man schon kennt (Cohn wurde am 21. November 1941 verhaftet und am 25. November 1941 zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Litauen erschossen). Vielleicht fragst Du Dich, warum ich Dir davon schreibe und die meisten meiner Einträge der vergangenen Woche dieses Thema gestreift haben. Die Antwort versuche ich Dir schreibend zu geben, denn darum ging es uns doch, nicht wahr?
Ich will Dir zum Beispiel erzählen, wie ich Ende Januar mit einem Stadtplan von 1941 durch die Straßen von Breslau gelaufen bin und mich geschämt habe. Ich habe mich nicht meines Deutsch-Seins geschämt, obwohl es heute wieder viele Gründe dafür gäbe, auch waren mir meine teuren Klamotten und die hochauflösende Digicam nicht peinlich. Ich habe mich für etwas geschämt, dass ich (mangels eines besseren Begriffs) emotionalen Wohlstand nennen möchte. Für eine Jugend ohne Einschränkungen, für Skiurlaube in Reit im Winkl und Sommerurlaube am schönsten Strand Italiens. Ich lief mit der alten und einer aktuellen Straßenkarte durch Breslau und habe nach Spuren meines Vaters gesucht, den ich seit zwanzig Jahren vermisse und der in seiner Bescheidenheit nicht mehr von sich hinterlassen hat, als ein Photoalbum und ein fünfminütiges Interview für den Bayrischen Rundfunk. Ich habe ihn und seine Geschichte gesucht und dabei immer wieder Sätze gedacht wie: Hier müsste die Schule gewesen sein, hier das Wohnhaus, in der Kirche dort drüben könnten die Lauterbachs den Gottesdienst besucht haben. Ich habe nach meines Vaters Lebensweg gesucht, weil ich von mir selbst so wenig weiß, weil ich diese immense Unsicherheit, die mich gleichzeitig lähmt und antreibt, verstehen lernen muss, bevor ich mir etwas zutrauen kann.
Du schreibst, dass wir menschenscheue Gesellen sind, die eine Kellnerin nicht über Gebühr beschäftigen wollen. Um herauszufinden, woher diese zwanghafte Zurückhaltung kommen könnte, bin ich Straße für Straße abgelaufen, habe jedes alte Hoftor, jedes Stückchen Kopfsteinpflaster und eine ganze Menge alter Häuser photographiert. Wenn Du möchtest, zeige ich Dir all diese Bilder, aber wir werden danach nicht schlauer sein. Wir werden weiterhin immer dann viel Trinkgeld geben, wenn man uns schlecht behandelt (und wir uns deshalb ertappt fühlen) oder wenn wir etwas für Außenstehende sehr Seltsames getan haben, wir werden ein Stückchen unseres Wohlstandes abgeben, um unbemerkt zu bleiben, wir werden uns, vielleicht zu drastisch gesprochen, von der Objektivität der anderen frei kaufen wollen.
Dabei hast Du das gar nicht nötig. Du hattest zumindest phasenweise eine Kindheit, die ein Verstehen der Welt nach sich zieht, hast tagelang in Kellern gesessen und irgendwann die Drina gegen den Neckar eintauschen müssen (und Du hast darüber geschrieben), während ich im neongelben Elho-Skianzug den Abfahrtslauf der Renngruppe gewonnen und einen Plastikpokal mit in mein Kinderzimmer genommen habe. Ich muss mögliches Leid erst einmal nachfühlen, weil ich sonst nicht wachsen könnte zu dem, der ich irgendwann einmal sein möchte. Beim Lesen Deiner Zeilen habe ich mich deshalb gefragt, warum Du nicht ins vordere Taxi gestiegen und nach Graz zurückgefahren bist, warum Du heute früh im Bistro Take Off nicht einfach gerufen hast: „Alle mal hersehen!“, bevor Du mit der Serviette in der Hand das Messer umfasst und sauber gewischt hast für die Marmelade? (War die Serviette womöglich aus Stoff?)
Ich kann das nicht beantworten, ich kann Dich nur ausdrücklich ermutigen. Mich selbst könnte ich zu so etwas kaum ermutigen, weil ich zu häufig damit beschäftigt bin, mich zu verstecken. Sicher bin ich damit nicht allein, wir haben alle etwas zu verstecken, meistens vor uns selbst. Ist Dir aufgefallen, dass ich weiter oben von einer Kirche geschrieben habe, in der die Lauterbachs im Breslau der 30er Jahre den Gottesdienst besucht haben könnten? Ich habe nicht geschrieben: Synagoge. Meine Großmutter war eine assimilierte Jüdin, eine, die Willy Cohn aufgefordert hätte, zu ihrer Herkunft zu stehen. Aber sie stand nicht zu ihrer Herkunft, sondern legte die Wehrmachtsmützen ihrer Söhne auf die Kommode in der Diele, um über jeden Zweifel erhaben zu sein. Auch das hat mir Toni erzählt und hinzugefügt: „Deine Großmutter hatte eine große Angst.“ Ein Teil meiner Familie ist zum protestantischen Gottesdienst gegangen, während ein anderer Teil derselben Familie nach Palästina flüchten musste.
Willy Cohn schreibt in seinem Tagebuch am 17. April 1939: „Breslau, Montag. Abends beim Umsteigen grüßte mich sehr freundlich mein ehemaliger Schüler Ulrich Lauterbach, aber sein Vater, der ehemalige Stadtschulrat, ging weg, um mir nicht guten Tag sagen zu müssen.“
Meine Großmutter hat den Krieg überlebt. Manchem wird es abwegig vorkommen, sich über die Verfehlungen seiner Vorfahren zu definieren, aber als Kind aus einem Wohlstandsdeutschland der 70er, 80er und 90er Jahre hat man keine andere Wahl (Dass man vielmehr die Pflicht hat, muss Thema eines anderen Beitrags sein). Ich darf also durchaus demütig vor einer Kellnerin stehen, aber vor der eigenen Biographie wegzulaufen, brächte, neben wenig authentischen Texten, nicht viel. Aus der Beschäftigung mit meinen Wurzeln, die ich vor allem in der vergangenen Woche und auf Deine Anregung hin betreiben durfte, habe ich eines gelernt: Willy Cohn hatte Recht, Assimilation ist keine Alternative. Mein Vater landete 1944 im Arbeitslager bei Jena, meine Großeltern verbrachten ihren Lebensabend in einem Dorf bei Frankfurt. Nach Breslau ist keiner von ihnen mehr gereist. Warum nicht, möchte ich verstehen, genauso wie das Schweigen meines Vaters, von dessen Verhaftung durch die Gestapo und Arbeitslageraufenthalt ich erst vor einem Jahr und nur durch Zufall erfahren habe. Mein Antrieb muss deshalb auch heute noch die, von Dir beschriebene, kindliche Allmachtsphantasie sein, die das ganzheitliche Welt-Begreifen zur Möglichkeit erklärt.
Ich will mich schließlich, und das hat schon der, den sie Deutschlands größten Dichter nennen, geschrieben - bessern. Deshalb muss es mir auch (schnurzpiep-)egal sein, ob jemand unsere Netznotizen als talkshowreife Beichten mit literarischem Schmuck betrachteten könnte. Autobiographisches Schreiben ohne Erkenntnis? Deutschlands vielleicht größter Dichter hat dem oben zitierten Satz übrigens angefügt: „Ich will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiss, Du hast recht, Bester, der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sie nicht - Gott weiß, warum sie so gemacht sind! - mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich beschäftigten, die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwart zu ertragen.“ Taugt das als Durchatmenparole, auch wenn es aus dem Zusammenhang gerissen ist? Wir leben mit fremden Sätzen, bis sie irgendwann zu unseren eigenen Sätzen werden.
Lieber Saša, viel habe ich nicht erklären können, aber vielleicht ein wenig? Weil der Deutsche immer einen Sinnspruch im Hinterkopf hat, traue ich mir das Fazit zu: ‚Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.’ Und Intersky kenn ich, natürlich. Die fliegen mit Propellermaschinen so tief über die Alpen, dass man nach Schneemenschen Ausschau halten kann. Auf meinem Weg nach Graz im vergangenen April habe ich einen gesehen. Er stand auf dem Gipfel irgendeines Berges und war pelzig und fast wie von Reinhold Messner beschrieben. Habe ich mir jedenfalls eingebildet. Ich bilde mir auch ein, dass ich im Mai die Zeit finden werde, mir Dein Stück anzusehen, das ich noch immer nicht lesen durfte, alter Serviettenbeschmutzer, Flug- und Ladegerätsvergesser, reizender, Du!
