Der Weg zur Einbürgerung 1 - Formulare holen

12. Februar 2008 von Saša Stanišić

Ich habe beschlossen, deutscher und Deutscher zu werden. Daraufhin habe ich mich auf mein Fahrrad gesetzt (gekauft in Heidelberg 1996) und bin in die Einbürgerungsbehörde geradelt. In der Einbürgerungsbehörde muss man eine Nummer ziehen. Ich dachte mir, ich versuchs mal ohne, und siehe da, es ging gut.

Die Dame von der Einbürgerungsbehörde war meinem Anliegen gegenüber sofort aufgeschlossen. Ich meinerseits war schnell überzeugt, dass sie ihren Beruf sehr kompetent und erfahren ausübte, und mir mit mancheinem gut gemeinten Ratschlag zur Seite stehen wird. Sie wies mich nämlich sofort darauf hin, dass ich zwar schon seit 15 Jahren in Deutschland bin, aber das noch lange nicht bedeutet, dass ich schon seit 15 Jahren in Deutschland bin.

Ich lachte, klopfte mir auch das eine oder andere mal auf den Schenkel, froh, dass man sich in dieser Branche der Integration dem Humor nicht gänzlich verwehrt. Sie lachte auch, aber nur, weil ich so ein ansteckendes Lachen mein eigen nenne, und nicht, weil sie spaßte.

“Doch, doch”, sagte sie nämlich, während ich mir ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischte, “Ihre Studienzeiten zählen nicht zu Ihrem gewöhnlichen rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland.”

Das leuchtet einem sofort ein: so ein Student ist ja bloß ein armseliges Nichts, unsichtbar in seinen fünf Quadratmetern, sich von Chips und Computerspielen ernährend - den übersieht man hierzulande bei manch Anderem, warum also nicht auch bei der Einbürgerung?

Weil ich aber während meiner Fahrradfahrt etwas Zeit zum Lesen hatte, benachrichtigte ich die inzwischen noch freundlicher gewordene Beamtin, dass laut dem Runderlass des Innenministeriums Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2004 Studienzeiten durchaus angerechnet werden können. Als habe sie einen solchen Einwurf erwartet, konterte die nun schier gutgelaunte Dame sofort, dieser Erlass gelte nicht für Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen.

“Die Bayern schon wieder!”, wollte ich ausrufen, aber das tut man ja nicht, wenn man Deutscher werden möchte, sondern man liebt alle Bundesländer gleich viel und sehr viel. Kleinlaut forderte ich statt dessen “dann halt eben einmal die Ermessenseinbürgerung, bitte”, denn diese schert sich nicht um Studienzeiten, sondern um Lebensunterhalt, Altersvorsorge und wie gut man Freistöße schießt.

“Ja, das muss dann nach Dresden!”, gluckste die gute Sachbearbeiterin schon enthusiastisch und in Feierlaune, dabei ist Dresden zwar hübsch anzusehen, aber sonst doch eher langsam verschwindend wie die Studenten. Die Anmerkung verkniff ich mir aber, denn man weiß ja nie, ob jemand Verwandte oder gar schöne Kindheitserinnerungen in Dresden zur Verfügung stehen hat.

“Ich bin Schriftsteller!”, rief ich wiederum, weil ich mir dachte, ich nutze ihre blendende Laune (sie warf inzwischen mädchenhaft lustige Insider-Blicke zu ihrer Kollegin, die man nur versteht, wenn man ein Einbürgerungsbehördler ist), um langsam den “Öffentliches-Interesse-Diskurs” zu eröffnen (Sehr geehrter Herr Staatsminister Neumann, Sie bekommen bald einen Brief von mir oder ist Ihnen E-Mail lieber?)

“Ja, ja”, winkte die lustige Dame ab und überreichte mir den zwölfseitigen Antrag. Mit heller Stimme, immer wieder von einem Lacher unterbrochen, machte sie mich mit jedem einzelnen Punkt auf den zwölf Seiten bekannt, ich möchte hier gar nicht näher darauf eingehen, es reicht zu sagen: die wollen alles wissen, einfach alles, bloß das Passbild, das muss - noch - nicht biometrisch sein.

Ich verabschiedete mich sehr herzlich und freute mich schon beim Auf Wiedersehen genau darauf, auf ein nächstes Treffen mit meiner neuen Lieblingssachbearbeiterin, deren Namen ich mir leider nicht gemerkt habe und daher immer auf irgendwelche unlustigen Umschreibungen wie “lustige Dame” ausweichen muss. Überhaupt werde ich von allen nächsten Wiedersehen mit ihr und dem ganzen Prozess der Einbürgerung in meinem Fall (”So einen Fall hatten wir bisher nicht”) berichten. Ich ahne, dass es noch einiges Denkwürdige ergeben wird, und wenn das Denkwürdige dann tatsächlich zu irgendeiner Debatte irgendetwas beitragen kann, dann super.

Morgen setze ich mich jedenfalls erstmal schön hin und schreibe einen “ausführlichen Lebenslauf”. Handschriftlich. Ohne Scheiß. Man will nämlich meine Deutschkenntnisse schon mal in puncto Lesbarkeit überprüfen. Wenn das Ganze nicht schon an meiner Sauklaue scheitert …

4 Reaktionen zu “Der Weg zur Einbürgerung 1 - Formulare holen”

  1. kayoneex

    Tako je imeni bilo isto.^^

    Formulare. Masken. Anstand.

  2. tibits

    Hey, ich beglückwünsche dich zu deinem Entschluss. Amtswege dieser Art sind immer so herzerfrischend, zumindest wenn man auf die richtigen Sachbearbeiter trifft. Ich hatte, sagen wir, in 95 % der Fälle dieses Glück und kann gar nichts wirklich Negatives loswerden. Auch hast du alles richtig gemacht indem du dir vorher Wissen angeeignet hast. Ich hatte oft das Problem, dass die dort nichts wussten und ich ihnen sagen musste wie man das jetzt so zu machen hat.

    Trotzdem, ich bleib Österreicherin. Oder besser gesagt, Europäerin. Sowas klingt immer gut, speziell wenn man wie ich gefühlt alle drei Minuten in einem anderen Land Europas aufwacht.

  3. Lu

    danke. ich bin extrem erhellt, nun.
    (mehr davon, weiter, auch alles mit formularen, bitte.)

  4. Alisic

    einfach köstlich! behörden können so amüsant sein…

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