Nr.38

10. Oktober 2006 von Michael Kumpfmüller

Die Lesung in Hannover hat schon stattgefunden, jetzt kommen die beiden Zeitungen. Die Hannoversche Allgemeine macht mit einem Foto der russsischen Journalistin Anna Politowskaja auf, die am 54. Geburtstag von Wladimir Putin in Moskau ermordet worden ist, die Neue Presse mit einem Bild von Fernando Alonso, der nach seinem Sieg in Japan Michael Schumacher die wahrscheinlich letzte Chance auf den Titel genommen hat. Außerdem suchen sie bei der Neuen Presse natürlich gerade die „Miss NP“. Jennifer (21) und Stefanie (18) sind im Finale und müssen vor der großen Entscheidung in der Osho-Disko am Donnertag ein paar Fragen beantworten. Sie wollen beide unbedingt gewinnen. Finden Sie sich schön?, werden sie gefragt. Ich denke, schon. Eigentlich schon. Nur Stefanie findet ihre Brüste ein bisschen klein, würde aber nie etwas daran machen lassen. Die Entscheidung, soviel steht fest, wird knapp werden. Der Eintritt kostet 5 Euro, los geht’s um 23 Uhr, was ich persönlich ja ein bisschen spät finde, aber das geht mich als Berliner natürlich nichts an. Ich lese Zeitung, und das war’s. Was lese ich und warum? Zwei Mitarbeiter der Deutschen Welle sind auf einer Recherchereise in Afghanistan ermordet worden. Die Umstände ihres Todes sind noch unklar. Unbekannte Täter haben sie erschossen, die Taliban wollen es nicht gewesen sein. Sie sind im Wagen unterwegs gewesen, in anderen Meldungen haben sie geschlafen, in einem Zelt am Rande irgendeiner größeren Straße. Eine Freundin von mir ist vor Monaten beruflich in Afghanistan gewesen, in der Hauptstadt Kabul, deshalb interessiere ich mich derzeit für das Thema. Ich habe ihre Fotos gesehen. Sogar ein Picknick haben sie einmal gemacht, etwas außerhalb, so dass man dachte: Alles ganz normal, den Umständen entsprechend, es gibt einen Alltag dort, zu dem womöglich auch Zelte gehören. Ausgerechnet am Vortag der Abreise kam es zu Unruhen, irgendwann im April. Amerikanische Soldaten waren in einen Autounfall verwickelt, anschließend wurden verschiedene Gebäude in Brand gesetzt. Es gab eine Ausgangssperre, Stunden der Ungewissheit. Drüben in Nachbars Garten brannte was, man sah Flammen aus einem Fenster. Ein bisschen irreal das Ganze vielleicht. Man glaubt ja bisweilen nicht an die Wirklichkeit. Man möchte lieber träumen und für wahr halten, was nur schöne Illusion ist. Man darf nicht zelten in Afghanistan. Darf man noch picknicken? Der vermeintliche Ort der Normalität ist zum Unort geworden, ein Ort, an dem man sich als unbewaffneter Fremder besser nicht aufhält, was natürlich eine niederschmetternde Nachricht ist, aber ganz klar eine Nachricht.

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