Langenthal

5. April 2008 von Saša Stanišić

Ich bin in die Schweiz umgezogen. Was heißt, umgezogen. Zwei Koffer habe ich mitgenommen, eine Kiste mit Kleidung und Büchern hätte vorgestern postalisch eintreffen müssen, hat sie aber nicht, was bedeutet, dass ich mich momentan von drei Unterhosen ernähren muss. Ich bin nach Langenthal umgezogen, Langenthal ist nicht Zürich und nicht Basel und nicht Bern und nicht Luzern, Langenthal ist nicht Ferien im Paradies.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Langenthal ist Arbeit. Langenthal ist keine Stadt der Spaziergänger, ein C&A hat aufgemacht und die Angestellten verteilen, was sonst, Luftballons an die Nichtspaziergänger; was hat es eigentlich auf sich mit diesen Luftballons? Mir fallen auf Anhieb sieben Dinge, die charmanter, ästhetisch relevanter und marketingtechnisch origineller sind als Luftballons, und kommt mir jetzt ja nicht mit sich freuenden Kindern, wir wissen doch, geben es aber bloß ungern zu, dass die Kinder gar kein konsequentes Gefühl dafür haben, was sie freut, und sich daher mal darauf, mal dortrauf freuen, je nach Grad an Ausgeschlafenheit und genereller Verdorbenheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bleibe ein Jahr in Langenthal. Mit Unterbrechungen. Mein Leben besteht seit drei Jahren eigentlich mehr aus Unterbrechungen und Endungen als aus Kontinuitäten und Haushaltswaren einkaufen gehen; das Schöne aber an jeder Endung ist, dass es irgendwann einmal einen entsprechenden Anfang dazu gab. Anfänge machen normaler Weise Lust. Und irgendwann, das habe ich mir neulich selbst versprochen, wird es auch für mich einen Anfang von Etwas geben, das nicht zwangsläufig ein Ende haben muss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Unterführung ist mein erster Nachbar auf der linken Seite. Tagsüber laut, nachts geisterleer, was will man mehr von einem Autobahnzubringer? Das war ein Reim. “Autobahnzubringer” auf der letzten Silbe betonen. Aber die Fenster im Haus halten dicht. Apropos Haus:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das links, erahnbar, ist tatsächlich eine Terrasse. Wäre der linke Nachbar nicht so laut, könnte man damit vielleicht etwas anstellen. Ich habe gestern erfahren, der Lärm sei sonntags früh am Morgen zu ertragen. Dass ich aber über die Nachbarschaft überhaupt länger als einen Satz lang nachdenke, zeigt deutlich, welchem Alter ich mich langsam nähere. Dem, in dem man lieber schimpft als nicht schimpft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der erste Abend in Langenthal war ein bisschen deprimierend. Ich gebe das zu, ich, der ungern zugibt, auch mal schlecht drauf zu sein. Ich hatte den ganzen Vormittag, noch in Düsseldorf, wieder einmal vor einem Zentrum für Visumsgnade verbracht, dieses mal dem britischen. Es hatte geregnet, und Düsseldorf ist halt auch bloß Asphalt, Autos, Fenster,  Fluss und Denkmäler. Unverrichteter Dinge musste ich abreisen, und hatte dann nicht nur Kopfweh, sondern auch Übergepäckweh, der erste kostete mich zwei Aspirin, der zweite siebzig Euro. In Langenthal dann sehr freundlich empfangen, aber den Fehler gemacht, mir die Stadt am späten, verregneten Abend noch angucken zu wollen. Und Langenthal ist halt auch bloß Asphalt, Parkplatz und Himmel über Lagerhallen und Straßenbeleuchtung.

 

 

 

 

Und Rentnerinnen- und Rentnergruppe des Gewerkschaftsbundes Oberaargau mit ihrem Vorsitzenden Ernst Neuenschwander.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber ich habe gestern eine ganze Käsemahlzeit zu mir genommen bestehend aus 6 verschiedenen Käsesorten und drei verschiedenen Brotsorten und zwei verschiedenen Weinsorten. Käse ist eine Speise, bei der ich zu vergessen neige. Zb, dass ich eigentlich am allerliebsten ständig Freunde um mich hätte, mit denen ich den Autobahnzubringer kreativ umgestalten könnte, anstatt permanent neue Leute kennenzulernen, die vielleicht zwar später irgendwann meine Liebe zu meinem Autobahnzubringer teilen werden, aber das ist nicht dasselbe. Ach, jetzt werde ich ganz wehleidig.

Ich muntere mich mal mit einem Foto auf, das schließlich zeigt, dass Langenthal auch etwas Farbe auftragen kann, wenn es das will.

 

6 Reaktionen zu “Langenthal”

  1. shivaree

    es liegt mir so fern wie langenthal von mir die 14553 einwohner dieser stadt zu beleidigen - doch ein jahr kannst du unmöglich neben der autobahnzubringerunterführung zubringen!

    wobei.. “Ein Rundgang durch den Tierpark, welcher durch drei weidende Damhirsche (ein Geschenk der Stadt Bern) im Jahre 1891 eröffnet wurde, lohnt sich auf jeden Fall. Zu sehen sind u.a. Hirsche, Rotwild und - WILDSCHWEINE”!

    nebah nessolhcseg zreh sni os relahtnegnal eid hcid nedrew edne ma
    reih riw eiw
    uoy gnivah rof lahtnegnal yvne ew
    (ein geisterfahrender satz für die fahrzeuglose straßenbeleuchtungsidylle.)

  2. tibits

    Ich wohne nun seit einem Jahr und drei Monaten in Liebefeld. Und so nett der Name auch klingen mag, es ist nur ein Vorort von Bern und neben meinem Haus verläuft ein Autobahnzubringer. Das ist so hier in der Schweiz. Das Land ist so klein, dass die Chance neben einem lauten Autobahnzubringer zu liegen zu kommen sehr groß ist. Verzeih, …gross ist.

    Und wie soll ich sagen, ich will dich ja nicht noch einsamer werden lassen als du schon bist, es ist schwer in der Schweiz Freunde zu finden. Und ich will auch nichts über die Schweizer sagen, ich habe hier sehr nette Menschen kennenlernen dürfen. Und ich habe mich immer gefreut, wenn ich diese netten Menschen dann auch verstanden habe. Gerade in Bern ist das ja keine Alltäglichkeit.

    Dieses Land lernt man leichter lieben als sein Volk. Aber mit dem nötigen Maß (Mass) an Geduld ist das auch zu schaffen. Nimm halt meinen Blog in deine geistige Blogroll auf. Manchmal gibt es da auch Tipps zur Schweiz und wenn du in Not bist, ruf mich einfach an. ;o)

  3. Saša Stanišić

    Ach, nein, nein, alles falsch verstanden! Es ist toll und grandios hier - ich wollte ja Abgeschiedenheit, es ist gut für die Arbeit, und die Arbeit gut für mich, daraus folgt …

  4. tibits

    Fast vergessen, hier der Link zu meinem privaten Blog: tibits-Blog

  5. shivaree

    docu-fiction!

  6. tibits

    Ach Sasa, Himmel, auch alles falsch verstanden, Liebefeld/Köniz und Bern und auch die ganze restliche Schweiz (vielleicht mit Ausnahme des Atomreaktors in Olten) sind das lieblichste und schönste Land der Welt.

    Ich ging doch nicht wirklich davon aus, dass du nach Langenthal ziehst (nein, zügelst) und dann über Langethal herziehst. ;o)

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


WordPress database error: [Table './literatur_wp/wp_ss_stats' is marked as crashed and should be repaired]
INSERT INTO wp_ss_stats (remote_ip,country,language,domain,referer,resource,platform,browser,version,dt) VALUES ('38.107.191.101','','en-us','','','/archiv/345','','Crawler/Search Engine','',1280432374)