Künstler an der Kettensäge | Saša
7. April 2008 von Saša StanišićUntertitel: Viele Besucher bei den Holzkunsttagen in Blandikow
Einstieg: BLANDIKOW - Voriges Jahr war es ein bisschen zu warm, dieses Jahr ein bisschen zu nass – zumindest am Sonnabend. Aber über mangelndes Interesse musste sich Karsten Bork nicht beklagen. Trotz Regens kamen viele Interessierte nach Blandikow und schauten den Künstlern auf die Kettensäge und staunten, wie schnell und sauber sich mit einem Hochdruckgerät so ein Baumstamm entrinden lässt.
Unvergessliche Begriffe: Karsten Bork, Bürgerinitiative “Heiligengrabe stoppt Müllverbrennung”.
Schlüsselsatz: Den Höhepunkt der kulturellen Umrahmung der Holzkunsttage boten die Blandikower Feldlerchen mit einem spritzigen Programm.
Der ganze Artikel ist hier zu finden.
Lieber Thomas,
möchtest du nächstes Jahr um diese Zeit mit mir nach Blandikow fahren? Leider konnte ich den Internetauftritt von Blandikow nicht finden, aber man kann dort nicht nur Künstlern an der Kettensäge zuschauen, sondern auch einen Reiturlaub machen, und die Liebhaber der Automarke “Nissan” haben sich zu einer Interessengemeinschaft geschlossen, die den Namen “The Dark Dragon Eye” trägt.
Wenn mal ein Fernseher in der Nähe ist, und ich traurig bin, schaue ich immer Eurosport. Eurosport zeigt tagein, tagaus Minderheitensportarten für uns Traurige und für Minderheitensportliebhaber. Vor sehr Kurzem lag ich traurig in irgendeinem Hotel in irgendeiner Stadt, und auf Eurosport wurden die Curling-Weltmeisterschaften gezeigt. Du erinnerst dich, Curling ist jene Sporart, bei der man mit so runden Steinen die Mitte eines Zielkreises treffen muss, der mich schwer an das Wappen der Royal Air Force erinnert und damit an Rauchschwaden hinter abstürzenden Kampfflugzeugen.
Faszinierend an Curling sind zwei Dinge:
Erstens, das konzentrierte Gesicht des Spielers, der erst den Stein und dann sich hinter den Stein übers Eis gleiten läßt, in einer späthellenistischen Pose und gut sitzenden Hose. Faszinierend deswegen, weil die schönsten Menschen die konzentrierten sind.
Zweitens, die beiden Hektiker, die ganz im Kontrast zum ruhigen Werfer vor dem dahinschwebenden Stein rutschen und das Eis wie blöde mit ihren Besen schrubben. Das sieht wild und nach Slapstick aus, und ich kann dir versichern, nicht nur ich in meinem traurigen Hotel, sondern die Hälfte aller Anwesenden dreißig Zuschauer in ihrer traurigen Eishalle, hoffen, dass den beiden irgendwas passiert. Irgendwas Kleines, Harmloses, das Wegrutschen und die beiden Besen involviert.
So, und jetzt frage ich dich, warum bin ich so? Oder darf ich sagen: warum sind wir so? Warum freuen wir uns, dass es “Curling” gibt und einen Ort, der “Blandikow” heißt? Und warum freuen wir uns, dass einer der Kettensegenkünstler in Blandikow ausgerechnet “Karsten Bork” heißen muss? Warum löst der Nachsatz “wie schnell und sauber sich mit einem Hochdruckgerät so ein Baumstamm entrinden lässt” bei uns Glücksgefühle aus? Hochdruckgerät! Entrinden! Deutsch! Warum lässt mich die Anmerkung später im Text, die Bürgerinitiative “Heiligengrabe stoppt Müllverbrennung” habe Interessierte über ihr Anliegen informiert (”wer wollte, konnte Autoaufkleber mitnehmen”) so melancholisch werden? Weil darin mitschwingt, dass viele keinen Autoaufkleber mitgenommen haben? Oder weil man sich an hunderte solcher kleinen Initiativen erinnert, deren Mitglied mal sogar selbst war, und die im Normalfall nichts bewirkt haben, außer einiger schönen Nachmittage mit Kaffee, Kuchen und anderen Gleichgesinnten?
Warum, lieber Thomas, sind wir für Sprache und das Gefühl, das schon einzelne Wörter bewirken können, so anfällig? Gehen zwei Dübel über die Straße, da kommt ihnen eine Wand entgegen, jauchzt der erste Dübel: “Hach, wie schön, Heimat!” Über so was kann ich mich Tage lang scheckig lachen. Gibt’s dafür Gene?
Und: sind nicht also die Wörter die wahren Künstler mit der Kettensäge, und wir bloß das Holz, das sich unter ihren Hochdruckgeräten, den Sätzen, entrindet? Ganz unabhängig von dem, der die Säge führt, Kraft entwickeln können, uns zu formen und für sich zu gewinnen?
So, und jetzt schaue ich mal, ob ich irgendwo im Netz Lieder der Blandikower Feldlerchen finden kann.
