Nr.37
3. Oktober 2006 von Michael KumpfmüllerVorletzte Tage auf dem Land, mit den ersten Nebelbänken über den Wiesen links und rechts der Autobahn und leise rieselnden Kiefernadeln im Garten. Alles ist still, ich kann gut arbeiten hier draußen, Bohr- und Meißelarbeiten am Roman bis zum späten Abend, dazwischen Gedanken an die schöne Lesung in Göttingen, etwas essen, den Liguster zurückschneiden, damit er nächstes Frühjahr schön treibt. Abends TV, die neuesten Nachrichten über den überraschenden Wahlausgang in Österreich, später RTL 2, Liebling, wir bringen die Kinder um, man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Eine alleinerziehende Mutter, die gerade eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht (40), hat zwei übergewichtige Söhne (9 und 14), die, wenn sie nicht sofort gerettet werden, das Leben von kranken, einsamen Monstern führen werden. Das ist die Geschichte, die eine Geschichte einer kranken Gesellschaft ist. Sie hat drei Teile und beginnt mit der Anamnese. Die beiden Jungs sind die meiste Zeit allein, sie sitzen bis zu sechs Stunden vor der Glotze, versorgen sich aus dem Kühlschrank, stopfen sich mit Süßigkeiten voll. Zwei Rothaarige, der ältere mit dem brummenden Bass eines Vierzehnjährigen, alles andere als dumm, ein Gymnasiast mit sympathischen Augen, ein bisschen wortkarg vielleicht. Die Mutter denkt, na gut, sie sind dick, das ist ein Problem, aber was sollen wir machen. Jetzt treten die Experten auf. Auch sie sind zu dritt: eine missmutige Psychologin, eine Ernährungsberaterin, ein junger Mann, der sich mit Sport und Bewegung auskennt. Die beiden Rothaarigen werden medizinisch untersucht, durchlaufen verschiedene Tests, bei denen sie übel abschneiden. Dann kommt die Stunde der Wahrheit, die ein kalkulierter Schock ist, ein computeranimierter Blick in die Zukunft und zugleich ein Exempel dafür, was Aufklärung ist: ein Vorgang der Beraubung, kaltes Licht, das nur taumelnde Ungewissheit zurücklässt, fürchterliche Leere. Der Mutter in ihrem falschen Glauben wird der Prozess gemacht. Sie wird aufgeklärt, was heißt, sie kommt in ein leeres Studio, eine Art Kathedrale der Wahrheit, die (wie sollte es im Fernsehen anderes sein) aus Bildern besteht. Auf einem riesigen Monitor sieht sie ihre Söhne in einer Computeranimation, erst den älteren, dann den kleinen, alles im Zeitraffer, was aus ihnen werden wird, das anschwellende Unglück in ihren Gesichtern, wie die Mundwinkel allmählich nach unten gehen, wie das Haar immer schütterer wird, wie sie verfetten. Rechts oben läuft eine Art Uhr mit, die die Jahre anzeigt, bei 40 Jahren bleibt sie stehen. Man sieht zwei Monster. Die freundlich-kalte Blondine, die die Aufklärung ist, stellt die Frage: Wollen Sie, dass sie so enden? Die Mutter schüttelt den Kopf und sagt, dass sie ihre Söhne kaum wiedererkennt, sie sind so hässlich, wenn sie dereinst so ausehen, bekommen sie doch nie und nimmer eine Frau. Dann folgt die Umerziehung. Sie dauert drei Wochen und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, deren Pointe die Zerstörung des alten Lebens ist: Fernsehen und Süßigkeiten werden radikal reduziert, dafür macht die Familie, die keine ist, die Erfahrung, dass man sich beim gemeinsamen Essen unterhalten kann, sie lernt komische Lebensmittel kennen, rote Linsen und Knoblauchnz.B. Die Kinder machen Sport und ihre Mutter einen Malkurs, damit sie alle lernen, wie man sinnvoll seine Zeit verbringt. Auch das Wohnzimmer wird neu gestrichen, in einem Gelb, das der Ältere eigentlich nicht mag, aber immer noch besser als dieses langweilige Weiß. Nach vier Werbepausen und fast zwei Stunden Sendezeit gibt es eine erste Bilanz, die natürlich positiv ist. Auch neue Computeranimaionen sind erstellt worden, richtig nette Männer könnten aus den beiden Pummeln noch werden, aber natürlich müssen sie alle drei sich weiter bemühen und die Chance beim Schopfe ergreifen, die ihnen RTL 2 gegeben hat, das wollen die Beteiligten auch gerne versprechen. Ich mag ja Komödien, denn um was anderes handelt es sich ja nicht, warum würden sich die Leute das sonst auch anschauen. Es gibt ein Happy End, zumindest ist es nicht ausgeschlossen, aber dazu kommt etwas anderes: Komödien haben die Gesellschaft im Blick, sie zeigen, was ist, die ganzen Verwicklungen, und wie sie sich am Ende lösen. Eine alte, etwas lächerliche Gesellschaft tritt ab, eine neue, ernstere taucht auf, ein erster Vorschein davon. Komödien sind Erlösungsgeschichten, im letzten Moment ins Gute gewendete Katastrophen, was immer ein bisschen nach Gehirnwäsche klingt, totalitärem Denken, was ja bedeutet, das Individuum, das aus irgendwelchen Gründen aus der Reihe tanzt, wird zum Teil einer funktionierenden Gesellschaft und verschwindet darin. Für die beiden Jungs könnte das heißen, sie verschwinden im Verein. Einmal verbringen sie einen Nachmittag bei der Freiwilligen Feuerwehr. Das ist natürlich Propaganda. Sie haben lustige Helme auf und sehen auf einmal sehr glücklich aus. In einer anderen Szene sieht man den Älteren beim Probetraining in einem Basketballverein, wie er läuft, wie er sich bewegt und ein paar Körbe wirft, wie ein Profi. Also ist doch alles Lüge. Er sieht aus, als würde er seit hundert Jahren Basketball spielen. Irgendein Trainer sagt: Er hat tatsächlich ein gutes Ballgefühl, hätte ich nicht gedacht, nur an seiner Kondition muss er noch arbeiten. Komm bald wieder, sagt der Trainer, dem man gar nicht ansieht, dass er lügt, und vielleicht lügt er ja gar nicht, oder es ist ganz egal, ob er lügt, Hauptsache, die Leute draußen an den Fernsehern verstehen die Botschaft, die ja ganz unmissverständlich heißt: nun schaltet endlich ab und geht schlafen und denkt darüber nach, was ihr mit eurem Leben eigentlich anfangen wollt, was für einen Sender wie RTL 2, sagen wir es vorsichtig, eine etwas paradoxe Botschaft ist.
