Die Herren der Zwiebelringe | Thomas

8. April 2008 von Saša Stanišić

Mein Lieber, immer kommt etwas dazwischen. Heute: wie versprochen ins Märkische reisen wollen, sehr früh aufgestanden und los! Alles abgesagt: Friseur, Mittagessen mit der schönen Schwedin Saga, Textabgabe beim sächsischen Literaturrat. Auf nach Blandikow, echthölzernes Herzdorf, Home of the Giants, Playground of the Stars!

Wenn man nach Blandikow reisen will, macht man sich besser auf Regionales gefasst: regionale Kost, regionales Gedankengut, RegionalExpress. Womöglich Folklore. Am Mittelpunkt der Erde dreht sich alles langsamer. Im Zug steigt an den Stadtgrenzen niemand zu: Alle fahren rein, nur ich fahre raus, heute denke ich antizyklisch. Parfümduft ohne andere Fahrgäste! Inspiration! Kunst! Ich probiere den einen oder anderen Gedanken aus, der mit alldem nichts zu tun hat. Zum Beispiel: was ich dort machen soll, wo ich hinfahre (ich muss sowieso wieder weg). Zum Beispiel: das Gute am Zugfahren, das Weder-an-Ort-A-noch-an-Ort-B-Sein (Transit über offene Flächen, im Hintergrund stehen uns Pappeln Spalier). Zum Beispiel dieses, zum Beispiel jenes (die Liebe, die Liebe, die Liebe). Ich lasse mich nieder bei Themen wie Freiheit und Frühling und Storchennestern, leichten Gedanken an Ehe und Tulpen und Grüntöne. Heute ist alles schön, heute stehen Birken grünend am Bahndamm! Dann allerdings telefoniert der einzige andere Fahrgast - Sportschütze, Polizeischüler, Bierdosensammler - gegenüber höchst unsanft in meiner Locus-Amoenus-Regionalidylle. Er sagt “die Steffi Schmidt, Alter! Fahne drüber und fürs Vaterland!”.

Sasa, es ist nicht einfach, von vorne zu beginnen! Idylle ist kein Zuckerschlecken, ‘no bowl of sweet cherries’! In Chlebnikow den Anschlussbus nach Blandikow trotz Sprints verpasst (Хлебников). Also zurück in die Wirklichkeit: heute ist alles Sport, heute geht es im “Spiegel” um Olympia und China, das Titelbild mit der Schlagzeile “Die Herren der Ringe - wie Chinas Regime sein Volk unterdrückt - und Olympia verrät”, das Mittagsmagazin in der örtlichen Bäckerei Malinowski um Prinzipien und Meinungsfreiheit (Маяковский), der eine will dem anderen symbolisch das Licht ausblasen (ich muss zugeben, dass ich immer geglaubt habe, das olympische Feuer würde wirklich ZU FUSS aus Griechenland an den jeweiligen Ort gebracht, von Ozeanen mal abgesehen, aber vorgestern London, gestern Paris und jetzt San Francisco! Unmöglich, fiel mir auf, unmöglich!). Um 9.20 schließlich wieder am Berliner Hauptbahnhof: ein Zwiebel-Mayonnaise-Käse-Brötchen bei LeCrobag gekauft und sofort wieder umgetauscht: tiefgefroren. “Das kann nicht sein,” sagt die Verkäuferin, “das muss am Wetter liegen”. Ernüchternd alles. Desillusionierend. Was ein Tag so produziert, ehe er Abend wird!

Dann aber den ganzen Tag in Berlin herumgebracht. Vor allem: zum Mittagessen doch noch ein Witz-mit-sympathischen-Tieren meiner gewitzten und schönen und schwedischen Freundin Saga (Frauennamen sind die schönsten Namen!):

“Fliegt ein Kuckuck übers Meer und trifft einen Hai. Sagt der Kuckuck: ‘Hi!’ Antwortet der Hai: ‘Kuckuck!’”

Weiß sie, wie sie schwedisch klingt, Sasa, wenn sie “Kuckuck” sagt? Weiß sie das? Weiß sie, dass sie mich heute gerettet hat? Weiß sie, dass Frauennamen die schönsten Namen sind? Weiß sie, dass ich ein Kinderbuch besaß, in dem die Hauptfigur immer “unverhofft kommt oft” sagte, ich glaube von Ursula Wölfel? Kümmert es die Herren der Ringe, dass heute hier trotz allem der Frühling beginnt?

Eine Reaktion zu “Die Herren der Zwiebelringe | Thomas”

  1. chico

    hach mensch,ich freu´ mich schon auf den rest der woche!

Einen Kommentar schreiben

Du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.


WordPress database error: [Table './literatur_wp/wp_ss_stats' is marked as crashed and should be repaired]
INSERT INTO wp_ss_stats (remote_ip,country,language,domain,referer,resource,platform,browser,version,dt) VALUES ('38.107.179.226','','en-us','','','/archiv/353','','Crawler/Search Engine','',1328606936)