Ich erzähle allen seit Jahren | Saša
8. April 2008 von Saša StanišićIch erzähle seit Jahren allen, dass ich um sieben aufstehe und dann erst mal schön Joggen gehe. Im Winter gehe ich in der engen Leggings joggen, die DU mir, lieber Thomas, geschenkt hast, und die im Dunkeln leuchtet. Meine leuchtgestreifte Wade auf den Waldwegen der Republik! Sollte mich je ein Wildschwein anfallen wollen, um sich an mir gütlich zu tun, wird es geblendet von diesem Vorhaben lassen, sobald es in die Reichweite des Leuchtstreifens kommt!
Schenkt ein Mann einem anderen Mann ein Kleidungsstück, geht man schon einen gewissen - Schritt. Schenkt ein Mann einem anderen Mann Leggings, ist man bereits miteinander viele, viele, viele, viele, viele Schritte gegangen: Leggings sind eine Freizeitbekleidung, die sich Männer nur dann schenken können, wenn zwischen ihnen kein Blatt mehr passt. Ein Geschenk, das zeigt: Wir sind im Reinen, wir stehen in einer Beziehung wie Elch und Rinde, wie Kartoffelkäfer und die Kartoffel, wie das Wort “eng” und das Wort “Leggings“.
Warum diese Leggings-Einleitung? Weil ich dir etwas aus meiner Biogafie erzählen möchte, das dir noch unbekannt sein dürfte. Sollte ich das Kapitel allerdings schon mal vor dir aufgeschlagen haben, bitte verzeih, das größte Zeichen der Vertrautheit ist es, wenn man sich ohne Angst wiederholen darf.
Wie viele anderen Jungs im vorpubertären Alter habe auch ich einmal einen Tanzkurs besucht. Cha-Cha-Cha, Tango, Polka, das ganze Programm, wobei ich mich besonders bei der Polka hervortun konnte, geht es ja dort darum, einfach durch die Gegend zu hüpfen, und das möglichst rasch, unkontrolliert und fröhlich. Kann ich alles gut. Dass ich damals auch Leggings trug - keine Angst, bei weitem keine so elegante wie deine und auch ganz ohne Leuchtstreifen - ist nicht mein primärer Erzählanlass; die olympischen Spiele sind das und diese ganze Situation, in der wir uns also sportpolitisch befinden.
Unser Tanzlehrer war nämlich, das muss ich hier so unverblümt analysieren (ha!), ein Arschloch vor dem Herrn. Eine schmierige Schabe, die nicht sehr positiv roch, Kinder mit weniger Talent verpönte, andere, die ganz ohne Talent waren - wie ich - regelrecht quälte, da sind amerikanische Befragungsmethoden ein Urlaub auf dem Bauernhof dagegen, inklusive Pony steicheln. Ich erinnere mich an viele unschöne Szenen, in denen er ausfällig und laut wurde, uns unsanft anpackte, wenn wir uns nicht gut genug anstellten, und dass er Stunde um Stunde immer mehr Druck ausübte, dem wir als - wie alt waren wir, elf vielleicht? - nicht gewachsen waren. Und die Art, das muss ja fast an dieser Stelle als des Dramas Höhepunkt kommen, die Mädchen unter uns hier und da anzufassen pflegte - mein lieber Herr Tanzverein, wenn wir das verstanden hätten und die Mütter davon erfahren hätten … Kurz: er war das zu uns damals, was China zu Tibet heute ist, wobei ich zugeben muss, dass dieser Vergleich einen seltsamen gemeinsamen Nenner hat und auch noch auf allen erdenklichen Tanzbeinen hinkt.
Nach vielleicht sechs Wochen (gefühlten sechs Jahren) wollte ich nicht mehr hin. Ich musste aber, die Eltern wollten das Geld nicht umsonst gezahlt haben; nach acht Wochen wollten die meisten nicht mehr hin; wir weinten auf der Rückseite der Turnhalle, es tat Weh, dass er uns anschrie und vor den anderen, den besseren, bloßstellte, es tat Weh, dass wir Angst vor ihm hatten, und es tat Weh, dass er uns das Gefühl gab, nichts und niemand zu sein, OHNE uns dabei (wie man es aus Soldatenausbildungsfilmen kennt) mehr beizubringen als rasch, unkontrolliert und irgendwann eben nicht mehr fröhlich im Polkaschritt übers Parkett zu traben.
Nach drei Monaten rief er dann einen Tanzwettbewerb aus. Zu diesem Augenblick hatte nur noch ein kleiner elitärer Kreis das Gefühl, nicht vor Scham und Angst sterben zu müssen, wenn dann auch noch die Eltern zum Zugucken kamen.
Also beschlossen wir, nicht hinzugehen. Wir beschlossen, einfach nicht hinzugehen, wir versammelten uns, zehn, elf an der Zahl, nach jener Tanzstunde, in der er den Wettbewerb angekündigt hatte, hinter der Turnhalle und sahen uns an. Er hatte uns kleine Zettel ausgeteilt, darauf wirbelten ein kleiner Mexikaner mit Sombrero und eine kleine Mexikanerin ohne Sombrero, darauf stand, dann und dann findet der Tanz statt, liebe Eltern, kommt zahlreich. Aber wir sagten uns: Nein, zahlreich - nicht mit uns! Dieser Sombrero ist nicht unser Sombrero, dieses Tanzen ist nicht unser Tanzen und dieser Lehrer nicht mehr unser Lehrer. Wir wollten nicht hin, noch an Ort und Stelle zerrissen wir die Zettel, und ich glaube jemand, wahrscheinlich nicht ich, pinkelte demonstrativ auf die kleinen, gelben Papierschnipsel, die da im Gras lagen.
Wir schusterten uns genau zurecht, was wir den Eltern sagen würden, denn es war uns klar, die wären stolz wie Hund, uns übers Parkett schweben zu sehen, extra parfümiert hätten sie uns dafür! Nur, dass wir ihnen kein Schweben gezeigt hätten, sondern traumatisiertes Herumstolpern mit der ständigen Angst im Nacken, gleich angeschrien und geschubst zu werden von dem, der unser Lehrer sein wollte.
Ich habe meine Eltern mit “Vater” und “Mutter” angesprochen, ich habe ihnen gesagt, so und so ist es. Vielleicht auch nicht, ich weiß ehrlich gesagt, weder wie ich, noch was ich geredet habe, aber es muss so klug oder so traurig gewesen sein, oder so sachlich und unpanisch, dass sie es mir abgenommen haben: ich musste nicht hin!
Thomas. Das war mein einziger gelungener Boykott in meinem ganzen Leben! Mein einziger Protest, der nicht vor Barrikaden und in Ämtern und in einem Gerichtsaal geendet hat! Meine einzige kleine Revolution, nichtig und von einer, womöglich, irrationalen Angst getrieben. Aber sie war von Erfolg gekrönt und damit schöner als jeder Tanz.
Was habe ich wohl am Nachmittag des Wettbewerbs gemacht? Schön wäre es, die Geschichte damit zu beenden, wie ich den Fernseher einschalte, und es läuft Tanzen. Tanzen lief bei uns aber nie im Fernsehen, denn damals hatten wir den Minderheitensportsender noch nicht. Vielleicht habe ich gelesen. Wahrscheinlich bin ich aber rausgegangen, um herumzulaufen. Einem Ball hinterher, einem anderen Jungen hinterher oder einfach so, weil das gut tut. Eine Leggings war noch nicht notwendig gewesen, aber schicke Pullunder trug ich schon damals.
