Rimas und Dražen und ich | Thomas
9. April 2008 von Saša StanišićBei Basketball hört bei mir der Spass auf. Ein Drittel seines Lebens verschläft man, ein Drittel verarbeitet man und ein Drittel ist Freizeit. Ich verbringe seit mindestens 20 Jahren die Hälfte des Freizeitdrittels mit Sport, praktisch, auch theoretisch (obwohl Theorie dafür er völlig falsche Ausdruck ist). Fussball ist okay, Langstreckenlauf interessiert mich, Gewichteheben, Surfen, alles gut. Aber Basketball! Sasa! Du kennst mich zu gut und weisst, was Du mir hinhalten musst, damit ich Männchen mache. Eine Nowitzki-Biographie zum Beispiel. Ich würde behaupten: Sport ist eine große Metapher für alles sonst. Kein Witz. Basketball ist rührend, bewegend und groß. Und schreiben darüber kann man stundenlang. Ich schränke das darüber-schreiben jetzt mal ein, damit wir nicht morgen noch hier sitzen, ich erzähle jetzt mal nur von großen oder von mir als groß empfundenen Ereignissen, an denen Menschen mit einem IC am Ende ihres Nachnamens mitgewirkt haben. Weil Du es bist. Kaum habe ich mir diese Einschränkung auferlegt, muss ich die Regel brechen: statt Ić geht es um einen Mann mit IS am Ende, Litauer, aber Litauer sind auch Osteuropäer, also lasse ich mir das durchgehen.
Also: Du kannst Dir einen zehnjährigen, linkischen Jungen vorstellen, der auf einer Tribüne einer Turnhalle steht (Ischelandhalle), zwischen 2499 anderen, brüllenden Menschen und einem Basketballspiel zusieht. Der die Regeln des Spiels gerade erst lernt, der selbst noch mit dem kleinen Ball spielt (Spielklasse D-Jugend). Wohl auch einen Jungen mit elf, zwölf, dreizehn Jahren, immer linkischer, immer etwas größer, rausnehmbare Zahnspange, fürchterliche Pastellfarben am Leib (bei Euch gab es ja wohl nur schwarz-weiß und schickes Super 8, Schwein gehabt, sage ich, meine Erinnerungen haben fürchterliche Pastellfarben). Die Spieler hießen Ralf “Kees” Kuhtz, Keith Gray, Silvester “Sly” Kincheon, Martin Schimke, Andreas Klippert, Shorty Hillebrand, Ralf “X” Risse und wahrscheinlich bin ich der einzige, der sich noch an Robert von Amelunxens seltsamen Wurf erinnert, von weit hinter dem Nacken, himmelhoch in der Luft, perfekt rotierend. In meinem Leben habe ich mir ein einziges Autogramm geholt: von “Centi” Thomas, dem Centerspieler des TSV Hagen 1860 (die einzige andere Person, von der ich mir ein Autogramm holen würde, wäre John Irving).
Ich erinnere mich daran, dass in unserer Stadt der TSV der Underdog war, der SSV Hagen war der Geldsack, mit Kontakten, Sponsoren, mit zwielichtigen Gestalten im Präsidium. Jedes Jahr kam es zwei Mal zum Derby, bis aufs Blut. Dann war die Halle übervoll, überlaut und überhitzt (man durfte damals noch in der Halle rauchen, meine Güte). In der Ischelandhalle sah ich meine ersten Betrunkenen, meine erste Schlägerei und sogar meinen ersten Sex (Davon habe ich noch nie jemandem erzählt, mein lieber Herr Tennisclub, es war in einem Lagerraum und ich gerade auf dem Weg zum Klo, da lagen zwei auf einer blauen Gymnastikmatte, ich habe da vielleicht eine Minute gestanden, bis der gar nicht so junge Herr mich bemerkte und ich völlig überstürzt zurück auf die Tribüne rannte).
Jedenfalls: vor einem dieser Derbys, irgendwann in den frühen Neunzigern, kurz nach der Wende und diesmal wollten wir gewinnen - diesmal würden wir gewinnen! - stand morgens in der Zeitung, dass der SSV Hagen als erster westlicher Proficlub einen Ostblock-Spieler unter Vertrag genommen hatte: Rimas Kurtinaitis. Der beste Dreierschütze Europas! Am Abend kochte die Halle wie Erbsensuppe (dick und heiss). “Der Dreierzar” sagten alle, weil zu sagen nichts näher lag. Das Schlimme: Ich und die Jungs und unsere ersten Biere standen auf der Stehplatztribüne, die in Hagen “Heuboden” heisst und konnten vor Rauch und Jubel nichts sehen. NICHTS! Nicht, wie Rimas Kurtinaitis frisch in den Westen importiert Dreier um Dreier versenkte, nicht, wie sein Schnurrbart schwitzte, nicht, dass die schmierigen Manager am Spielfeldrand auf und ab rannten, weil sich der Underdog nicht abschütteln liess. Wir sahen nicht, wie hoch Keith Gray springen konnte, nicht, wie gewaltig Sly Kincheon kämpfte, ich habe von Kurtinaitis gehört und dass er nach dem Spiel Wodka trank wie die anderen Warsteiner. Ich habe nicht gesehen, dass der TSV Hagen 1860 gewann, ich habe es nur gehört: wir haben jahrelang davon geredet, wir haben es gesungen.
Kurz: ich erinnere mich an Spieler von früher, die heute mit Herzproblemen in Frührente sind, an die Kronos-Schuhe von Rimas Kurtinaitis, der jetzt Nationaltrainer in Aserbaidschan ist, an den Geruch von Umkleidekabinen und das Quietschen auf dem Parkett in Turnhallen von Saloniki bis Soest. Ich bin auf- und abgestiegen, ich lerne heute immer noch Statistiken auswendig. Ich kenne die Seele dieses Spiels, verzeih mein Dick-Auftragen, ich habe Nasen bluten, Präsidenten kotzen, Fahnen wehen und Trikots brennen sehen. Seit Jahren ist die erste Website am Morgen www.dallasnews.com/sports/basketball, um zu sehen, was passiert ist. Sportsfreund, wenn ich eine Dirk-Nowitzki-Biographie schreiben dürfte, würde ich das sofort tun (es gibt wohl schon genug). Ich würde alles stehen und liegen lassen, das kannst Du mir glauben. Ganz im Ernst.
Jetzt doch noch etwas mit Ić am Ende. Mal ehrlich: gibt es Bewegenderes, als mit dem Zug 1994 nach Zagreb zu fahren, unterwegs “Das Herz ist ein einsamer Jäger” zu lesen und dann in der Abenddämmerung am Grab von Dražen Petrović zu stehen? Dražen Petrović war der zweite beste Dreierschütze Europas, wie Rimas Kurtinatitis spielte er für Real Madrid und hält noch heute den Rekord für die meisten in einem Erstligaspiel erzielten Punkte. 112! Meine Güte, man nannte ihn den “Mozart des Basketballs” und er brettert auf einer deutschen Autobahn bei Denkendorf vor eine Wand oder in einen Laster. Petrovićs Frau ist heute mit Oliver Bierhoff verheiratet (das Leben geht weiter). Die Grabplatte sieht aus wie ein riesiger Basketball, der aus der Erde lugt.

Am 17. Mai 2008 um 04:53 Uhr
Hallo,
Dein Artikel war sehr interessant, ich war aber etwas enttaeuscht, dass Du dich nicht an mich erinnern konntest. An Roberts Wurf kann ich mich auch noch sehr gut erinnern, da ich der andere Deutsch-Amerikaner war, der fuer TSV1860 con 1988 - 1990 gespielt hat. Falls Du Interesse daran hasst noch mehr Basketballgeschichten von Hagen zu hoeren, wuerde ich mich ueber eine Mail sehr freuen.
Hoffentlich bis bald,
Eric Proscher ( ehemalige #8 beim TSV )
Am 19. August 2008 um 19:23 Uhr
[…] So. Zurück. Die letzten Wochen zum ersten Mal mit dem gedruckten Buch am Lago di Lugano gewesen und gefunden, dass ich den See ganz gut getroffen habe. Statt des Hundes hustete sich unter unserem Fenster tagelang eine Katze ihre Katzenseele aus dem Leib, gesundete dann aber (anders als der Hund), und wir mussten sie nicht in den Koffer packen und versenken. Jetzt also zurück am Schreibtisch und Notizbuch und Bildschirm. Dort schließlich eine schöne Entdeckung gemacht, nämlich, dass das Buch und ich es in die Lokalsportseiten der Westfälischen Rundschau geschafft haben: hier. Es geht natürlich um Basketball, um die alte Ischelandhalle, um Rimas Kurtinaitis und ein Autogramm von Centi Thomas. […]