Hameln-Göttingen 102,7 Kilometer

10. April 2008 von Saša Stanišić

Mein Lieber, wieder in Göttingen. Wir waren ja schonmal zusammen hier. Heute lag in der Bäckerei von damals das Göttinger Tageblatt von heute herum (mir fallen Bäckereibesuche ja mit den Jahren immer schwerer: in der letzten Zeit entwickeln die Bäcker einen Hang, sogar einen regelrechten Drang oder Zwang, die Dinge bei neugeschöpften Namen zu nennen, im Fahrwasser, besser: in der Mehlspur von Bernd dem Brot; deswegen standen mir am Bäckereitresen innerhalb eines Monats Krusti (das knackige Brot), Ruchi, Vollkorn-Hurti, Schneiders Kracher, Toskanino, Schäfers Kerniges, Dombrowskis Doppelwecke, Kreftings Korn-Knacker und ihre verwirrend ge-brandname-te Mehlarmee gegenüber. Und ich stehe dann da und will nicht sagen, was der Bäcker will, dass ich sage. Ich sage: “von den Hellen dort zwei, bitte!” Und gehe dann aus dem Laden, trotz stillen, friedfertigen Protests eine Tüte “Wollenwebers Weizenwummen” in der Hand.)

Göttingen ist eine grüne Stadt, Jürgen Trittin wohnt hier, es gibt einen berühmten botanischen Garten und der Harz ist gleich nebenan, im Sommer stehen am Bahnhof mehr Fahrräder als Göttingen Einwohner hat, circa 1 000 000, es gibt Naturwissenschaftler-Kneipen namens “Gauß”. Göttingen ist eine freundliche, eine tierliebende Stadt: ich habe mich deart ins Tageblatt vertieft, dass ich jetzt fast keine Zeit mehr habe, so freundlich! Die Überschriften der Titelseite Stadt und Land heissen “Ratten lieben Müll”, “Überfall erfunden”, “Tipps gegen Ratten”, “Repressalien gegen Demo gegen Repressalien”. Eine vorwärts wie rückwärts lesbare Überschrift! Ratten lieben Müll, Ben liebt Anna. A-N-N-A! Literatur! Immerhin 50 % der Texte sind hier also Literatur oder behandeln das Thema Ratten in Göttingen (Hameln ist 102.7 Kilometer entfernt), es gibt Listen mit Kolonien in Göttingen (Königsallee-Kolonie, Kolonie Elsbecker Kindergarten), es gibt Tipps, was Ratten gerne essen (ein gutes Nahrungsangebot: Lebensmittelreste auf Komposthaufen, draußen gelagerte gelbe Säcke) und schließlich sogar die Aufforderung, die goldigen Tierchen zu fotografieren. Es gibt hier ein Forum für Rattenbilder! Zitat:

“Beobachten Sie vermehrt Ratten? Dann fotografieren Sie die Tiere und mailen das Bild mit Ortsangaben an die Lokalredaktion: lokales (at) goettinger-tageblatt.de.”

Sasa, ich schreibe Dir heute, weil ich weiss, wie sehr du kleine, ganz kleine Tiere magst! Hast Du da, wo Du jetzt gerade bist, eine fotogene Ratte zur Verfügung? Schaffst Du es, bis morgen eine Ratte zum Lächeln zu bringen? Mit neuen Namen für alte Brötchen zum Beispiel?

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