Langenthals Flora und Fauna | Saša

10. April 2008 von Saša Stanišić

Gut, du bist auf der Reise nach Blandikow auf der Strecke geblieben, das kann man weder dir, noch der Reise, noch der Strecke zum Vorwurf machen, aber vielleicht würde es mir gelingen, vor Anbruch der Dunkelheit ein ganz, ganz kleines Tier in Langenthal zu fotografieren. Mit einer Mütze, einer Kamera und einem letzen Bissen Salamibrot in der linken Backe ausgerüstet, verließ ich gegen 19.30 Uhr mein Langenthaler Domizil an der Autobahnzufahrt.

 

 

 

 

 

 

Im Erdgeschoss des Hauses entdeckte ich eine Tür, die noch niemals da war. Sie stand einen Spalt breit offen, durch den Spalt drang Licht.

“Hallo?”, rief ich mit heiserer Stimme, dann lauter: “Hallo? Jemand da? Ich kann asiatische Kampfsportart.”

 

 

 

 

 

 

Da aber niemand antwortete, schlich ich mich mit einem sehr unguten Gefühl hinaus, ohne nachzusehen, was für ein Raum hinter der Tür steckte, was er als Raum an dieser Stelle überhaupt verloren hatte, und wer, zum Teufel, in einem Haus, in dem ich alleine wohne, am hellichten Tag in einem noch nie dagewesenen Raum ein Licht brennen ließ.

Dia Angst hatte mir unter den Mützenschirm einen Schatten gemalt.

 

 

 

 

 

 

Thomas! Verzagen wollte ich nicht! Den Autobahnzubringer ließ ich gleich hinter mir, da ich mir zoologisch relativ sicher war, auf einem Autobahnzubringer wenige bis keine ganz ganz kleine Tiere vorzufinden, bzw. wenn, dann in einem Zustand, der für meinen fotografischen Geschmack eine Spur zu platt war.

Dagegen hörte sich “Wiese” schon rein poetisch viel poetischer an als “Autobahnzubringer”, so dass ich - inzwischen wieder etwas mutiger - das Beispiel einer solchen betrat. Es hatte den ganzen Tag geregnet und der Boden war vollgesogen. Ich sprang mehrmals auf und ab, weil das unter den Füßen so ein sehr angenehmes Spa-Gefühl von Naturverbundenheit, Einklang mit der Schöpfung und Moos erzeugte. Aber ich war nicht hier, um Moos zu erzeugen, ich war hier, um kleine Tiere zu fotografieren. In der Nähe fiel mir ein niedergewälzter Zaun auf, der aussah, als hätte sich ein Tier Zugang zu dem verschafft, zu dem sich Tiere halt eben Zugänge verschaffen.

 

 

 

 

 

“Seltsam”, dachte ich im nächsten Moment, “da ist ja noch ein Zaun vor dem eingerissenen Zaun!” Ein Rätsel, für dessen Auflösung keine Zeit blieb - aus dem Nichts manifestierte sich ein erstes Fauna vor mir und verlangte durch Einsatz von Faunageräuschen nach Nahrungsmitteln. Beim genauen Hinsehen entpuppte sich das Fauna als ein Schaf. Es sah aus wie frisch geschält.

 

 

 

 

 

Mein Freund, ich weiß, was du jetzt denkst: Schaf ist klein, aber nicht ganz ganz klein! Und damit muss ich dir, nach Abwägen von Pro und Kontra, Recht geben. Schafe sind passiv-aggressive Langweiler, die in meiner Muttersprache als Bezeichnung für die nicht ganz hellen unter uns herhalten müssen. Ich gab dem Schaf etwas Salamibrot, sagte ihm, wie es sich hinzustellen hat, damit ich es fotografieren konnte, und schon gings weiter durch die Langenthaler Prärie:

 

 

 

 

 

Was mich auf eine interessante 公案 bringt, über die ich neulich mehrere Tage meditiert habe:

Ein Mönch sagte zu Jôshû:
“Ich bin gerade erst ins Kloster eingetreten. Bitte unterweise mich.”
Jôshû fragte: “Hast du deinen Reisbrei schon gegessen?”
“Ja.”
“Dann geh und säubere deine Schale.”

 

 

 

 

 

 

Ja, ich weiß. Aber, wenn du ganz, ganz, ganz genau schaust, wirst du vor dem großen, häßlichen Gartenzwerg einen kleinen, sympathischen entdecken. Richtig, hinter dem Unter-Tage-Utensil “Laterne”. Auch ich habe lange gebraucht, um das Detail zu erkennen, was mich zu einer der klügsten Zen-Lehren bringt:

Wenn Du merkst, dass Du einen Fehler gemacht hast, unternimm unverzüglich etwas, um ihn zu korrigieren.

Thomas, es konnte doch nicht angehen, dass das kleinste, ganz ganz kleine Tier Langenthals ein Schaf war!

“Ist es auch nicht”, sagte der Gartenzwerg und deutete in Richtung Osten. Dort, wo alles Gute herkommt, erschien auch jetzt eine Hoffnung am Horizont:

 

 

 

 

 

 

EIN GANZ GANZ KLEINER ZAUN!

Unglaublich! Thomas! Hast du jemals einen so kleinen Zaun gesehen? Da musst du auf Knien mit einer Pinzette den Schlüssel halten, so klein ist das Schlüsselloch! Oder du steigst einfach drüber. Aber wichtig war ja nicht der Zaun an sich, wichtig war, dass dort, wo so ein kleiner Zaun Wege versperrt, auch ganz kleine Wesen unterwegs sein müssen! Und weißt du was? Siehst du vorne den orangenfarbenen Container? Jetzt pass mal auf:

 

 

 

 

 

Ein freundlicher Maulwurf! Meine Infantilisierung kannte in diesem Augenblick keine Grenzen! Ich musste sofort irgendetwas entsorgen! Ich klopfte meine Taschen ab - nichts. Sah unter meiner Mütze nach - nichts. Ja also doch, aber du weißt, was ich meine. Unglaublich, aber ich hatte gar nichts Entsorgbares bei mir! Nicht mal meinen Geldbeutel, da schwimmen ja immer irgendwelche Zettel herum, aber ich wollte doch nicht einkaufen, sondern kleine Tiere fotografieren. Wenn ich doch bloß das elitäre Querulieren frustrierter Hermetikerinnen eingepackt hätte!

Es blieb nur ein Ausweg …

 

 

 

 

 

Aber das Blöde an Katzen ist ja, dass Katzen nicht blöd sind. Und weil auch noch “schnell” hinzukommt, hätte ich mir auch gleich sagen müssen, Saša, blamier dich nicht, es ist nass, es ist rutschig, und alle schauen sie dir zu: das Schaf, der Zwerg, der Maulwurf, alle. Langer Rede kurzer Sinn: die Katze ist mir mit Leichtigkeit entkommen, aber immerhin bin ich nicht hingeflogen.

Nach dem encounter mit der Katze bahnte ich mir tapfer den Weg durchs Dickicht, nach weiterer Langenthaler Fauna forschend. Entdeckt habe ich hölzerne Pferde in einem romantisch zugewucherten Verschlag, mitsamt dem Schild Hufschmiede Braun Langenthal

 

 

 

 

 

 

Das Ganze sah aus, als könnten in der Tiefe hinter dem Gerümpel lauter andere spannende Sachen versteckt auf einen neugierigen Bosnier lauern. Wäre ich 20 Jahre jünger, hätte ich mir manch einen Nagel durch den Fuß getreten, nur um herauszufinden, was der Herr Hufschmied Braun sonst noch so nach dem Pleitegehen nicht mehr benötigt hatte.

Es dämmerte inzwischen ganz wehement, von Ratten gab es immer noch keine Spur. Dafür begegnete ich einer Kresse transportierenden Ente mit einem Blick kälter als Stahl …

 

 

 

 

… dann einer verstrahlten Schmucktauben aus Holz, die - wenn wir ehrlich sind - alles andere können, außer schmücken …

 

 

 

 

 

 

… und schließlich fleischfressenden Assi-Pflanzen, die mich bei den Vorbereitungen auf das Foto sofort Aufs Heftigste bissen, so dass ich die Kamera fallen lassen musste, und sie dann von alleine auslöste:

 

 

 

 

 

Nur, indem ich der fleischfressenden Assi-Pflanze den Rest meines Salamibrotes opferte, konnte ich die Kamera unverletzt aus der Schlacht retten.

Was aber nutzte mir die beste Kamera, wenn es keine ganz ganz kleine Tiere gab, die ich fotografieren konnte? Was nutzte mir überhaupt mein hervorragendes Talent als Fotograf, wenn ich zwar großartige Bilder machte, diese aber gänzlich tierlos nur die amerikanische Schönheit von Langenthals Industriegebiet zeigten?

 

 

 

 

 

Und schließlich, was nutzten mir die Straßen, die wie ganz ganz kleine Tiere hießen, wenn in den Häusern nichts Anderes Parasit sein durfte, außer Katze und Hund?

 

 

 

 

 

Niedergeschlagen machte ich mich auf den Weg nach Hause, den Autobahnzubringer entlang. Lastwagen fuhren dicht an mir vorbei, ich schrien sie an, aber die waren so laut, dass ich nicht hörte, was ich da schrie, also zählte es auch gar nicht. Eine Gans stürzte mir vor die Füße im sicheren Gefühl, mich mit einer Slapstickeinlage trösten zu können, aber nein, das konnte sie nicht.

 

 

 

 

 

Im Erdgeschoss dann - ich hatte sie vergessen - die gespenstische Tür. Immer noch zwängte sich ein Lichtstreifen in den dunklen Gang, wo ich in großer Stille der nahen Autobahn stand. Ich wollte Licht machen, aber wie es halt so ist in solchen Situationen brannte die Glühbirne durch.

Anstatt die Tür einfach zu schließen, damit sie in dem Universum verschwinden konnte, aus dem sie zu mir gefunden hatte, trat ich an den Spalt heran. Denn just als mir das Licht seinen Dienst versagte, fielen mir Worte von Tao-hsin ein. Einem Schüler hatte er auf den Weg gegeben: 

Stell dir vor, die Welt um dich wird immer dunkler bis alles pechschwarz ist. Du aber mach wieder Licht. Und beleuchte die Welt in deiner Farbe.

Ich spähte durch den Spalt und schoss ein letztes Foto:

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