Nr.34

20. September 2006 von Michael Kumpfmüller

Im Café mit einem Stapel Göttinger Zeitungen, die liegen geblieben sind. Den Sport lasse ich gleich weg, dafür gibt es interessante Nachrichten aus der Welt der Tiere und Pflanzen. Die letzte Blühwelle färbt den Garten bunt (11.9.). Waschbären erobern die Region, Waschbären erobern Göttingen (14.9.). 100 m3 Mutterboden in Bilshausen abzugeben. Und dann die mit Abstand „wichtigste Frage“: Wer hat den dicksten Kürbis? (16.9.) Unter der Rubrik Stadt und Land gibt es dies: Göttingen hat gewählt; der OB-Kandidat der SPD muss in die Stichwahl (11.9.). Jubelnde SPD-Anhänger stören ein NDR-Interview mit dem Ministerpräsidenten; die CDU beschwert sich (12.9.). Die Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse in Stumpfebiel ist an einen Braunschweiger Textilfilalisten verkauft worden (14.9.). Es gibt scharfe Kritik an dem Verkauf (15.9.). Das Göttinger Freibad schließt; Kinder finden einen am vergangenen Wochenende gestohlenen Ackerschlepper (16.9.). Eher schlechte Nachrichten kommen aus der Kultur: Jochim Fest ist tot (11.9.). Udo Linden-bergs Bruder ist tot (18.9.). In Madrid dürfen keine superdün-nen Frauen mehr über den Laufsteg staksen. In Göttingens Su-permärkten weihnachtet es schon (14.9.). Das Tageblatt scheint ein paar Mal den Namen gewechselt zu haben oder das Ergeb-nis zurückliegender Fusionen zu sein. Niedersächsische Mor-genpost und Göttinger Zeitung seit 1889 hieß oder heißt es noch. Liegt es an mir oder der Zeitung, dass ich gerade alles mögliche interessant finde? Wird man es auch in zwanzig Jahren noch interessant finden, und in welchem Sinne? Werden wir über uns lachen oder uns die Haare raufen? Damals, als wir uns alle verrückt machten, oder: damals, als wir alle blind waren und die Zeichen nicht sehen wollten? Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist friedlich, bereit zu Gewalttaten sollen nur rund 300 sein, schreibt das Göttinger Tageblatt. Und ein paar Tage später: Nur noch 64 Prozent der Ostdeutschen halten die Demokratie für die beste Staatsform; im Westen sind es 85, unter dem kopftuchtragenden Musliminnen sogar 90. Zum ersten Mal seit 1942 sind in Deutschland wieder Rabbiner ordiniert worden (14.9.) Vermeintlicher Kofferbomber ist wieder frei. Darf das Handy noch ins Handgepäck? (15.9.). Al-Qaida-Vize ruft zu Gewalt in Frankreich auf (16.9.). Bundeswehr schickt Panzer nach Afghanisten (18.9.). Am liebsten mag ich die Kommentare. Herzerfrischend Susanne Iden am Wochenende über den Papst und die allgemeine Aufregung wegen seiner Regensburger Rede: „Die politische Korrektheit derer, die nach einer Entschuldigung des Papstes rufen, ist das eigentlich Gefährliche an dem ganzen Vorgang. Denn sie verteidigt nur scheinbar die Würde und die religiöse Selbstbestimmung der Moslems in dieser Welt. In Wirklichkeit spielt sie denen in die Hand, die den Glauben dieser Moslems für die Festigung ihrer eigenen Herrschaft in Unfreiheit missbrauchen. (…) Sie festigt eine politische Kultur, in der die kritische, öffentliche Auseinandersetzung mit dem Glauben oder auch mit staatlicher Gewalt, mit Menschenrechten und individueller Freiheit fast zwangsläufig mit lebensgefährlichen Risiken behaftet ist.“ So ist es.

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