Jeans vs Anzug | Thomas
13. April 2008 von Saša StanišićMein Lieber, erstens: du hast keine Ratte fotografiert, deshalb habe ich einmal Scheitern bei Dir gut. Zweitens, und apropos Aufgaben: gestern gesehen, dass das Buch “Die Leber wächst mit ihren Aufgaben” Nummer 2 bei Amazon.de ist, gleich hinter “Feuchtgebiete”. Jeder Tisch, an dem ich in den letzten vier Tagen gesessen habe, beschäftigte sich mit den Themen dieser beiden Bücher: wir sassen und tranken und irgendwann gerät das Gespräch auf Feuchtgebiet, irgendwann sagt eine Frau immer, wie sehr sie dieses Buch befürwortet und eine andere widerspricht vehement und dann tauschen fünf kurze Minuten alle die Begriffe “Duschkopf” und “Avocado” aus, eine sagt “Tabubruch” und wird literaturgeschichtlich fundiert niedergeschrieen, dann driftet das Gespräch weg von dem Buch, denn gelesen haben es die meisten nur zur Hälfte. Man lobt ihre Agenda, man zweifelt an der Umsetzung. “Die Säulen der Erde” haben alle ganz gelesen, als sie fünfzehn waren, aber darüber redet niemand. Außerdem ist man ja zum Trinken hier. Schnell redet die betrunkenere Hälfte konkret über Porno und Körper und geht dann rauchen und küssen, die anderen theoretisch über den inhärenten männlichen Blick (obwohl!, ist dann meistens das Fazit, einen weiblichen Blick im Porno kann niemand genau skizzieren, sowas scheint neben dem Klischee, dass Frauen Plotporno und Männer PornoPorno bevorzugen, nicht zu existieren. Alles ist Ware!, skandiert dann meistens der Tischpessimist, Frauen! Männer! Alles!). Dann bestellt man eine Runde Getränk, redet über die Leber des jeweils anderen und singt Medleys aus der Dreigroschenoper. Insofern scheint der Verkaufsrang von Amazon.de Aufschluss über Gesprächsthemen an deutschen Nach-Lesungs-Tischen zu geben.
Nun, du merkst, ich scheue mich vor meiner Aufgabe, die letzten Minuten im Leben der erstochenen oder erschossenen oder erwürgten Psychologin und Franz Steckenpferd zu dialogisieren (”ich erwürge sie jetzt!” - “nein” - “doch” - nein!” - “doch!” - “warum genau?” - “sie kennen meine abnorme disposition”- “ja, aber …” - “nix aber!” - “doch!” - “nein!” - “doch!”, usw., mit der bekannten Konsequenz). Ich bin kein Psychologe und ausserdem wurde mir erst gerade neulich bei einer Autorenkonferenz unter die Nase gerieben, dass Figurenpsychologie Quatsch sein, gar erzähl-faschistoider Quatsch. Davon habe ich dir ja schon erzählt.
Apropos Quatsch: etwas anderes fiel mir gerade noch ein, während ich durch Berlin spazierte (Sonntag + Sonne = Spazieren). Was bringt all diese Frauen dazu, Stiefel exakt gleicher Bauart zu tragen? Über der Hose! Am Schlimmsten in Prenzlauer Berg, mein lieber Herr Fussballschuh! Über den überengen Hosen! Als ich das gesehen habe, habe ich mich entschieden, den ganzen Sommer in Halbachthosen und individuell verschlissenen T-Shirts zu verbringen. Und dabei verstärkt zu sparen, um mir im Herbst zwei Anzüge maßschneidern zu lassen, genau wie du Weltenbürger am Mittwoch in New York. Ähnlichkeit in einer Altersgruppe ist okay, aber hier, heute morgen in den ersten Frühlingssekunden hatte sie etwas lemminghaftes (the earnest lemmingway). Ich würde zu all diesen Phänomenen ja am liebsten eine Fachfrau fragen, Veronika Kreuziger aus Göllersdorf zum Beispiel, aber Franz Steckenpferd hat das verhindert.

Am 13. April 2008 um 17:35 Uhr
Ja aber sowas von gewusst, dass das kommt. ;o) Nur das Steckenpferd wurde versteckt. Schade drum.