Privatsphäre beim Porno-Gucken | Amsterdam

23. April 2008 von Saša Stanišić

In Amsterdam habe ich im Goethe-Institut gelesen und einen Pullover gekauft in einem Laden, aus dem man nicht hinausgehen kann, ohne dass ein Künstler/Schneider etwas an dem gekauften Kleidungsstück verändert. Da ich das nicht wusste, kam es zur folgenden Unterhaltung, die ich aus Gründen der Faulheit auf Deutsch wiederkäue:

Verkäuferin: So, hast du dir auch schon überlegt, was du gemacht haben möchtest?

Privatsphäre beim Porno-Gucken: Gemacht? Ich finde, das passt mir gut so, ich mag es etwas enger.

Verkäuferin: Du musst aber etwas ändern lassen.

PbP-G: Moment mal, gerade hast du doch gesagt, du findest mich total sexy in dem Pulli.

Verkäuferin: Ja, klar - steht dir auch super, aber zum Beispiel die Ärmel …

PbP-G: … was ist mit den Ärmeln?

Verkäuferin: Na, gar nichts ist mit den Ärmeln, ich meine nur …

PbP-G: … ich hab sofort gedacht, die sind zu kurz!

Verkäuferin: Nein, nein, die Ärmel sind perfekt, aber man könnte überlegen, ob man nicht zum Beispiel einige weiße Punkte aufmalt oder hier an der Schulter deine Initialen.

PbP-G: Meine Initialen? Weißt du, was meine Initialen sind?

Verkäuferin: Nein …

PbP-G: SS. Soll ich etwa “SS” auf meiner Schulter tragen?

Verkäuferin: Wir müssen langsam damit aufhören, unsere Gegenwart ständig durch Symbole aus der Vergangenheit bedroht zu sehen!

PbP-G: Mein Reden, aber ich bin ohne meine Initiale auch sehr glücklich, danke.

Verkäuferin: Nein, du verstehst nicht, du MUSST etwas ändern lassen, das ist unsere Philosophie!

PbP-G: Das ist eure Diktatur!

Verkäuferin: Aber eine hochschöne!

PbP-G: Das sagen sie am Anfang alle!

Wie die Geschichte ausgegangen ist, wissen alle, die meinen rot-weißen Pullover mit der goldenen Acrylfarben-Schärpe kennen.

Privatsphäre beim Porno-Gucken in Amsterdam. Man muss sich entscheiden: will man auf den Fernseher oder auf die Grachten sehen? Da Grachten aber auch nur Wasser und Boot sind, und man auch nicht umschalten kann auf eine andere Stadt mit anderen Grachten, ist die Wahl klar. Das Zimmer - eine Vollendung an Eleganzillusion - wäre da nicht der Fernseher, dieses kleine Plastikmonstrum, das man auch noch wie zum Hohn auf den Sekretär platziert hat. Der Sekretär lud zum Schreiben an. Ich stellte mein Laptop auf die Schreibplatte und schaltete den Fernseher ein.

3 Reaktionen zu “Privatsphäre beim Porno-Gucken | Amsterdam”

  1. shivaree

    Aaah! oder besser: oh! meine lieblingsrubrik schlägt wieder zu!
    soundtrack zum pulli:
    “baby, we’ll reinvent monarchy. we will rule the whole world.” -
    “you will be king.” - “and you’ll be queen. your crown fits so well that we’ll be called the people of the year.”
    (get well soon ~ People Magazine Front Cover)

  2. enibas

    In Schärpenunkenntnis
    - liebe Shivaree, lieber Sasa -
    besteht der von mir imaginierte liedgutgebundene Acrylaufdruck
    - nicht nur, aber auch -
    als unlaute Protesthaltung gegenüber monogrammatisch geschulterten (Un-)Möglichkeiten
    aus der Songzeile eines schon älteren Liedleins des Albums ‚Stille Post’:

    „Sagte ein Cowboy zum andern: „Komm mein Mädchen, reich mir Deine Hände““.

    Den Pullover könnte man sicher nicht folgenfrei in Iowa tragen.
    Aber, wer will schon folgenfrei leben.

    Fröhliche Grüße!
    s

    Ps: in zwei Wochen geht’s auch für mich nach Amsterdam,
    mal schaun, ob ich das doktrinär - originäre Lädchen finde..
    und ob ich,
    die immer unauffällig Gekleidete,
    zu einem dramatischen Schritt der optischen Statementdarstellung finde,
    sprich Mut ansammle,
    mich in das Meer der Statementträger einzureihen.

  3. shivaree

    liebe Enibas,
    ich hab ja keine ahnung- es war mehr die schärpen/rot-weiß/assoziation in kombination mit der vorfreude auf ein get well soon konzert. und weil wir so schön im popkosmos gelandet sind: mia! wie gerne hätte ich miezes frisur.
    schönes statementshoppen zwischen den grachten!

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