Nr.2
3. April 2006 von Michael KumpfmüllerMeine erste Station ist Osnabrück. Die Zeitung ist noch nicht da, also tappe ich in Sachen Osnabrück vorläufig im Dunklen. Ich habe die Stadt nie kennengelernt, weiß aber aus meinem Verlag, dass man dort als Autor sehr angenehme Erfahrungen machen soll.
Gestern Kindergeburtstag auf dem Land: Zehn Zehnjährige feiern den Geburtstag meines ältesten Sohnes, davon gut die Hälfte Kinder von Migranten. Man kann schon alles sehen: An der Art, wie sie sprechen, sich bewegen, wie schnell oder langsam sie sind, wie wach. Eigentlich deprimierend: Als wäre das meiste längst entschieden, die Verteilung der Chancen, die Klassenzugehörigkeit, das Weltverhältnis, ihre (berufliche) Zukunft. Alle sprechen mehr oder weniger perfekt deutsch, und trotzdem gibt es zwischen „deutschen“ und „ausländischen“ Kindern unübersehbar ein Gefälle. Die Kinder haben einen Fragebogen bekommen; in zwei Gruppen sollen sie alles Mögliche über den Wald und das nahegelegene Dorf herausfinden. Die Migranten-Kinder laufen widerwillig mit, sie finden das Spiel blöd, sie beteiligen sich nicht, sie können und wollen die sie umgebende Welt nicht lesen.
Im Zug zurück nach Berlin Gespräch über Gameboys und die Stunden, die man schon mit ihnen verbracht hat. Der Rekord (wenn man alles zusammenzählt): 100 Tage rund um die Uhr in sieben Jahren bei einem heute Elfjährigen, dessen Vater aus Ghana kommt. Ich höre ihnen zu, wie sie sich über Spiele und Programme austauschen, und verstehe so gut wie nichts. Es scheint verschiedene Welten zu geben, die durchnummeriert sind und von denen die höheren nur schwer zu erreichen sind. Parallel-Welten mit Pokémon-Bevölkerung, über die diese Zehnjährigen reden wie erfahrene Automechaniker über Motoren. Es ist unglaublich, über welche Details sie verfügen, die Vielfalt der Begriffe, die Verknüpfungen, die Optionen. Die Botschaft ist: Wir wissen sehr viel, eine ganze Welt wissen wir, aber bestimmt nicht eure, in der wir uns leider nur mit Einschränkungen zu Hause fühlen.
Dazu passend am Nachmittag die erste Zeitung, Ausgabe 1. April, S. 25: Der Osnabrücker Einbürgerungstest („Das muss man als Osnabrücker wissen“). 50 Fragen, von denen ich keine fünf richtig beantworten kann. Offensichtlich ein April-Scherz, aber eben auch ein Kommentar zu den derzeit kursierenden Fragebögen, die alles andere als Aprilscherze sind.
Über das Inquisitorische aller Fragen, die einer einem anderen stellt. Wie geht es dir? Was empfindest du? Was hast du wann unter welchen Umständen warum getan oder unterlassen? Die Sprache des Verhörs. Dagegen noch einmal die Fragebögen von Frisch: Fragen, auf die es entweder keine oder unendlich viele Antworten gibt.
