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1. April 2006 von Michael KumpfmüllerAb heute lasse ich mir also beim Schreiben über die Schulter schauen. Die Literaturbüros der Städte Osnabrück, Braunschweig, Göttingen, Hannover, Lüneburg und Oldenburg haben mich zum Nachfolger Thomas Meineckes als Netzautor bestimmt, was mich herzlich freut. Ich bekomme für jeweils einen Monat eine Zeitung ins Haus und darf im übrigen mein gewohntes Leben fortsetzen. Literaturförderung in Form von Stipendien bedeutet ja hierzulande nicht selten, dass man umziehen muss. Im Grunde eine Idee des 19. Jahrhunderts: Der arme Schriftsteller als Vagabund, der ohne große soziale Bindung durch die Lande zieht und froh ist, wenn er, sagen wir, für drei Monate in einem abgelegenen Bahnwärterhäuschen unterkommt. Da reise ich doch lieber im Netz (und alle vier Wochen zu einer Lesung ins Niedersächsische), zumal man als Schriftsteller ohnehin ständig auf Reisen ist und sein Land kennen lernt wie sonst nur Vertreter oder die mal hier, mal da auftauchenden Politiker.
„Netznotizen eines Zeitgenossen“ ist das Projekt überschrieben. Notizen: Das klingt nach Flüchtigkeit, internem Gebrauch, nach Tagebuch. Ich habe wenig Erfahrung damit. Walter Kempowski hat mal (in etwa) gesagt, ein Schriftsteller ohne Tagebuch könne unmöglich ein guter Schriftsteller sein. Ist das so? Muss man Ich sagen können als Schriftsteller? Die Tagebücher von Max Frisch, dem großen Ich-Autor, fallen mir ein, vielleicht, weil sie zum Glück vieles zugleich waren: Ort der Selbstbeobachtung, aber auch Zeitdokument, ein Skizzenbuch, in dem alles mögliche Platz hatte, Zeitungsmeldungen, Fragmente, die berühmten Fragebögen nicht zu vergessen.
Der Schriftsteller als Zeitgenosse: Das wiederum klingt nach Kumpanei, nach Einverständnis. Als könnte man das sein: eine Art Freund der Gegenwart, jemand, der engsten Umgang mit ihr pflegt, sich vielleicht mit ihr verbündet. Genossen, das sind doch Leute, die füreinander einstehen, denselben Werten verpflichtet sind, die sich duzen. Kann man mit der (deutschen) Gegenwart per du sein, sie sogar schätzen, ja womöglich loben? Aber das wäre ja mal eine Haltung: Auf Probe DAFÜR sein. Kein Lamento, keine Kritik, was am Ende ja darauf hinausliefe, die Kritiker zu kritisieren, die vielen Zuschauer erste Reihe in bequemen Ses-seln, als da sind: die Experten im Fernsehen, Meinungsforscher, Talkshowmoderator(inn)en, die Stammtische, Besserwisser und Nörgler aller Art, dazu die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen, die sich bei jeder Gelegenheit zu Opfern erklären, ihre permanente Empörungsbereitschaft, die Michael-Kohlhaas-Mentalität.
Nehmen wir als Beispiel die Schule. Meine beiden Söhne sind Schüler, erste und vierte Klasse Grundschule in Berlin, wo die üblichen Probleme bestehen: Die Personaldecke ist dünn, es gibt Sprachdefizite bei den Kindern der Immigranten, spätestens ab der zweiten Klasse treten starke Leistungsunterschiede auf, die Lehrer versuchen sie, so gut es geht, zu balancieren, fördern die Schwachen, aber auch die Starken. Was machen die Eltern? Sie sind vor allem misstrauisch, sie wollen Kontrolle und geben den Lehrern zwei völlig entgegengesetzte Befehle: Überfordert unsere Kinder nicht, setzt sie nicht unter Druck, wir sind gegen Leistungsterror. Und andererseits: Bringt ihnen etwas bei, macht sie fit für die Zukunft, je früher, desto besser, denn für die Zukunft unserer Kinder fürchten wir leider das Allerschlimmste. Dieses Nebeneinander, ja die Verschmelzung von zwei auf den ersten Blick unvereinbaren Haltungen ist typisch für meine Ge-neration. Jedenfalls für diejenigen, die in den sechziger und siebziger Jahren im Westen groß geworden sind und in den frühen Achtzigern von zwei großen Themen umgetrieben wurden: der bevorstehenden ökologischen Katastrophe (Stichwort: Waldsterben) und der Gefahr eines atomaren Krieges in Europa (Stichwort: Nachrüstung). Was davon geblieben ist, ist nicht viel, aber nachhaltig prägend: Ein ziemlich leerer kritischer Gestus in Nachfolge der 68er, der der Gegenwart misstraut, und eine Neigung zu apokalyptischem Denken, das der nahen und fernen Zukunft nicht traut und auf die Dauer vor allem Ohnmacht produziert, Verantwortungslosigkeit im Gewand der Besorgnis. Dabei müsste man dieses Misstrauen ja allmählich mal auf den Prüfstand stellen. Die Apokalypse hat nicht stattgefunden, sie findet womöglich später statt. Aber wir leben alle noch und summa summarum noch immer nicht schlecht. Oder anders: Wir haben bis heute verdammt viel Glück gehabt als Baby-Boom-Generation (auch mit unseren Lehrern übrigens), also haben wir jetzt auch verdammt noch mal die Pflicht, uns ernsthaft darum zu kümmern, dass es für uns und die nachfolgenden Generationen in etwa so bleiben kann (was wohl eher schwierig wird).
Man sagt ja immer: DIE Gesellschaft. Ohne dass klar ist, wer oder was das eigentlich ist, etwa im Verhältnis zum Staat. Nicht nur bei uns denken die Leute Staat und Gesellschaft zunehmend als Gegensatz von Ihr und Wir. Ihr, das sind die Politiker, die Behörden, Finanzämter, die Polizei, kurz: der Staat als Täter, der sich an uns bereichert, der uns überwacht, der uns ausplündert, von dem wir nichts zu erwarten haben, dessen potentielle Opfer wir sind. Wir, das sind im Gegenzug mal die Bürger, mal Gewerkschafter oder Unternehmer, die Konsumenten, und wir alle haben berechtigte Interessen, haben Rechte, die wir bitte auch in Anspruch nehmen möchten, ganz egal, ob sie mit den Rechten und Interessen anderer kollidieren. Für die Idee des demokratischen Staatswesens ist diese ein- und ausschließende Bewegung bedenklich, zumal dann, wenn sich Wir-Gruppen mit ganz unterschiedlichen Interessen (zum Beispiel Gewerkschaften und Arbeitgeber, aber auch Teile der Politik) gegen das Ihr, das der Staat ist, verbünden und ihn zum Sündenbock erklären. Das ist eben Demokratie, könnte man sagen: Wir leihen euch ein Stück Macht, und wenn ihr sie nicht richtig gebraucht, nehmen wir sie euch weg und schicken euch in die Wüste. Aber die Sache ist komplizierter: Die Macht ist geliehen, aber nicht im Sinne eines Kredits, den man früher oder später zurückzahlen muss, sondern als Ergebnis eines Schuldspruchs, der von Anfang an feststeht. Ihr und niemand anderer werdet an unserem Unglück Schuld sein, unser Urteil ist unumstößlich, eines Tages werden wir es vollstrecken (René Girard). Letztendlich hängt die Macht des Politikers also davon ab, ob und wie lange er die Vollstreckung aufzuschieben vermag. Er ist ein Gezeichneter, dessen Zustand jeden zweiten Abend im Fernsehen zu studieren ist; nur als Gezeichneter, der um Aufschub der Strafe ringt (oder manchmal bettelt), hat er für eine bestimmte Zeit die Macht.
Man erntet schnell Prügel, wenn man das sagt: Aber hierzulande sind nicht der Staat und seine Protagonisten das Problem. Das Problem ist die Gesellschaft, die sich an ihnen bei jeder Ge-legenheit die Schuhe abputzt und sich aus unerfindlichen Gründen für etwas Besseres hält. Das Problem sind die Leute, die nur zuschauen. Sind wir alle.
