Nr.46

26. November 2005 von Thomas Meinecke

Bis 1 Uhr nachts an meiner neuen Erzählung für den Band Feldforschung (für die Ausstellung Das 8. Feld) gearbeitet, zwischendurch die unästhetische neue Bundesregierung im Fernsehen erduldet.Dann hinaus in den mehrere Tage alten, tiefgefrorenen Schnee (noch immer um die 30 Zentimeter hoch), ins klirrend kalte Auto gesetzt und in Richtung München aufgebrochen. An der 24-Stunden-Autobahntankstelle Höhenrain (Baywa) vollgetankt, nach dem Bezahlen, während mein Kaffee aus dem Automaten lief, zwei Fahrer der wuchtigen, amtlichen Schneeräumfahrzeuge getroffen, die sich sichtlich langweilten. Leuchtend orangefarbene Anzüge, bäuerliche Gesichter; der eine in Betrachtung der Trucker Clogs vertieft, die ich mir da mal gekauft habe. Sie glauben nicht, daß es in der Nacht noch schneien werde, müssen aber bis morgens zwischen Garmisch und München durchsalzen. Einer lebt in Münsing, rund 4 Kilometer von hier, der andere, der die ganze Zeit nichts sagt und an einem Duplo-Riegel eher lutscht als kaut, ein Dorf weiter, außerhalb Weipertshausens, wo die Schneeverwehungen mitunter sogar von Osten kämen. Bei mir hier immer von Westen. Die beiden Männer, offenbar Landwirte, kennen den kleinen Weiler, in dem ich seit elf Jahren lebe.

Um halb 2 Uhr betrete ich den Rote Sonne Club, wo Jay Denham seit 23 Uhr auflegt. Ich war schon einmal bei ihm zu Hause; seit einigen Jahren betreibt er seine internationalen musikalischen Aktivitäten von München aus, verlegte sogar sein Black Nation Label hierher. Jay Denham hat mit Anthony Shake Shakir in Kalamazoo, Michigan, studiert. Als Shake vor zwei Jahren das First Take Then Shake Album mit F.S.K. machte, wohnte er etwa zehn Tage bei uns hier draußen, von wo aus wir täglich zum Studio nach Weilheim pendelten, zog dann aber, bevor er nach Detroit zurückflog, noch für ein paar Tage zu seinem Freund Jay nach München. Entsprechend freundschaftlich werde ich nun von Jay Denham begrüßt. Der ist ein Ladies’ Man, afrikanischer Amerikaner, athletischer Körperbau, mindestens Basketball. Wenn er lacht, und er lacht oft, schießen ihm gleich die Tränen aus den Augen. (Vielleicht tut er auch nur so, wischt sich jedenfalls nach jedem Scherz die Augen.) Er legt unglaublich groovy auf, weniger Beats per Minute als ich gedacht hätte. Neues Detroit, wie wir es von großen jüngeren Musikern wie DJ Bone her kennen. Auch seine eigenen neuen Tracks sind klasse und sehr beseelt (nächstes Jahr raus auf Disko-B). Um halb 3 löst ihn dann der Star des Abends, Robert Hood, ab, der Mann, der mich vor zehn Jahren mit seiner Minimal-Spielart dann doch noch zum größten Techno Fan machte. Hood pitcht höher als Denham, ist sehr virtuos an den Plattentellern, pendelt von hysterischem House zu trockenem Techno. Ich lehne die ganze Zeit an der DJ Box und schaue zu.

Nach 3 Uhr stellt sich Upstart (Peter Wacha, Betreiber des legendären Ultraschall Clubs, nun des Rote Sonne Clubs, auch des Sub-Up/Disko-B Labels, auf dem F.S.K. veröffentlicht, sowie des Optimal Plattenladens, in dem ich meinen Lohn lasse) zu mir und brüllt mir ins Ohr, daß Robert Hood von Detroit, Michigan, ins ländliche Alabama, in die Nähe eines Eingeborenen-Reservats, gezogen sei. Der Himmel sei dort unendlich groß. (Zunehmend biblische Botschaften auf Hoods eigenen Platten.) Seine Ehefrau sei dieses Mal im Hotel geblieben.

Upstart und ich vor paar Jahren mit Shake in meinem Auto, auf dem Weg zum Studio. Upstart, begeistert von der pastoralen Szenerie, der Endmoränenlandschaft, dem Alpenblick, versucht Shake damit anzustecken. Der nur: Well, I’m a city boy. (Richtig aus der Hood.) Als eine Herde Kühe vor uns über die Straße getrieben wird und wir deshalb anhalten, den Motor abstellen müssen, sagt Shake, gleichsam kopfschüttelnd: This is the countryside.

Um halb 5 bin ich wieder zu Hause. Rechtes Ohr (vom DJ-Monitor) vorübergehend betäubt.

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