Nr.38

2. November 2005 von Thomas Meinecke

Ich wüßte ja zu gern, wie die faschistische Demonstration durch Göttingen am Samstag abgelaufen ist.

Am Freitag wurde Polizeipräsident Hans Wargel im Göttinger Tageblatt zitiert, er müsse die Demo der NPD, da diese leider nicht verboten sei, gegen Übergriffe schützen. Das sei ein unerträglicher Zustand. Es sei eine undankbare Aufgabe, die die Polizei hier übernehmen müsse.

Der Beschluß des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg, der NPD den Bahnhofsvorplatz und die Berliner Straße mit ihrer Nähe zum Mahnmal für die frühere Synagoge zur Verfügung zu stellen, beschere der Polizei zusätzliche Schwierigkeiten. Auch weil an besagtem Mahnmal eine Stunde vor der NPD-Demo eine antifaschistische Gegendemo beginne. Das Lüneburger Gericht hätte besser dem ortsbezogenen Wissen des Göttinger Verwaltungsgerichts trauen sollen. Ab 9 Uhr werde zudem auf dem Grünstreifen an der Berliner Straße (östlich des Bahnhofs) ein Frühstück gegen Rechts veranstaltet. Die Jüdische Gemeinde wolle an der Bahnhofswestseite eine Mahnwache abhalten. Es sei damit zu rechnen, daß die Mehrzahl der rechtsextremen Demonstranten mit der Bahn anreisen wird. (Den Bahnhof aber auf der Ostseite, zum Bahnhofsvorplatz, zur Innenstadt hin, verlassen wird.)

Für den Samstag empfehle die Antifa nicht die Teilnahme an der großen Gegendemonstration von mehr als 60 Organisationen, sondern dezentrale Aktionen gegen den Naziaufmarsch. Wargel rechnete mit circa 500 militanten NPD-Gegnern, die sich (klassische Formel:) unter die friedlich Demonstrierenden mischen würden.

Entlang der Marschroute der Faschisten wurden bereits im Vorfeld zahlreiche Graffiti gesprüht, unter anderem die Parole: Love Music, Hate Fascism. (Deren 23-jährige Sprüherin wurde zwei Stunden später gestellt.)

Auf einer dem Artikel zugeordneten Skizze sieht das Verhältnis der Demonstrationsrouten ziemlich gemein aus: Die Route der NPD ist mindestens fünfmal so lang wie der enge Zirkel, den die Antifaschisten in der Innenstadt abschreiten dürfen.

Dr. Bernhard Fluche überlegt sich auf der Leserbriefseite, seinen Firmensitz in eine andere Stadt zu verlegen. Er schreibt: Am 29. Oktober bekommen aufgrund der Passivität der Stadt Göttingen – den Ausdruck Feigheit möchte ich vermeiden – erklärte Feinde der Demokratie die Gelegenheit, in unserer Stadt ihr Unwesen zu treiben. (Fluche findet aber die Gegenseite der Links-Autonomen, wie er sich ausdrückt: kaum weniger besser.)

Tags darauf (also am Morgen der Demonstrationen) präsentierte das Titelblatt des Göttinger Tageblatts ein Foto von einer bereits am Vorabend stattgefundenen friedlichen Protestaktion vor dem Alten Rathaus. Da wird eine weiß-blaue israelische Flagge geschwenkt und ein weiß-blaues Transparent hochgehalten, auf dem steht: Kein Friede mit dem antisemitischen Vernichtungswillen. Solidarität mit Israel. Für den Kommunismus.

Auf Seite 9 stellt sich die Route der Gegendemonstranten etwas verlängert dar.

Sonntag gab es keine Zeitung.

Die Montagszeitung hätte ich eigentlich, wie gewohnt, am gestrigen Dienstag erhalten sollen, aber da wurde hier in Bayern, wegen des katholischen Feiertags Allerheiligen, keine Post ausgeliefert.

Doch auch heute kam kein Göttinger Tageblatt bei mir an. (Das vom 31. wäre mir doch noch zugestanden, oder? Hätte ich nicht eigentlich bereits das erste Exemplar meiner Osnabrücker Zeitung, nächste Station meiner Netznotizen, erhalten sollen?)

Auf der heutigen Website des Göttinger Tageblatts finden sich auch keine Berichte (mehr).

Ich komme mir geradezu abgeschnitten vor.

Vielleicht hat jemand aus Göttingen Lust, den Verlauf des Samstags in einige Sätze zu fassen und an mich (melian.meinecke@t-online.de) zu senden. Ich könnte den Bericht gegebenenfalls ins Netz stellen.

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