Nr.29

1. Oktober 2005 von Thomas Meinecke

Rechenschaft

(Letzte Netznotiz: Sonntag, 25. September.)

Montag zunächst viele Stunden im Zug nach Hamburg gesessen, dann durch Plattenläden gezogen in Hamburgs Karolinenviertel, das ich schon in den 1970er Jahren, in erster Linie Hilka Nordhausens legendärer Buchhandlung Welt wegen, aufzusuchen pflegte, später Sitz des Hinterhaus-Headquarters der kleinen Plattenfirma, bei der meine Band F.S.K. während der 1980er Jahre ihre Tonträger in Deutschland (wir hatten in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts auch einen Plattenvertrag in England) veröffentlichte. Um die Ecke: Das Musikerlokal Marktstube; der Supermarkt gegenüber damals mit Fensterscheiben aus Metall. Vorbei an dem Haus, in dem meine große Jugendliebe die letzten Jahre ihrer ersten Ehe verlebte, gelangte ich ins Areal der ehemaligen Schlachthäuser, wo jetzt die Buchhandlung Cohen & Dobernigg zu finden ist, stellte dort mein Gepäck ab und durchstöberte weitere Plattenläden am Schulterblatt. Ein Latte Macchiato in einem Straßencafé. Um 19 Uhr mit Jan-Frederik Bandel in einem Lokal die Stellen in Hubert Fichtes Roman Die Palette überflogen, die wir gemeinsam, wechselseitig, vortragen würden. Abendessen mit Lutz Schulenburg, Hanna Mittelstädt und Carola Ebeling (Nautilus). Ab 21 Uhr dann in der bestens (auch von alten Palettianern) besuchten Buchhandlung Cohen & Dobernigg gelesen. Thomas Sparr (Suhrkamp) da, Roland Spahr (Fischer) auch da. Anlaß: Das jetzt bei Nautilus erschienene Buch über das vor über vierzig Jahren schon wieder geschlossene Hamburger Lokal Die Palette. Mit einer der letzten öffentlichen Nahverkehrsverbindungen ins suburbane Elternhaus hinaus gelangt. (U-Bahn, S-Bahn, Bus.)

Dienstag seit Jahrzehnten nicht gesichtete Schränke in meinem ehemaligen Kinderzimmer ausgeräumt, ausgemistet. Zwei Kisten in den Keller, zwei Müllsäcke in den Mülleimer, ein Koffer mit fragwürdigen Gegenständen mit nach Bayern. Nachmittags Aufbruch nach Lüneburg, wo ich von Kerstin Fischer, Literaturbüro Lüneburg, vom Zug abgeholt wurde. In der Mulde des rechten inneren Türgriffs ihres Autos stand Wasser; Weihwasser, dachte ich sofort. Das ehemalige Militärgelände der heutigen Universität von Mal zu Mal idyllischer. Semesterferien; dennoch wirkten die meisten Besucher meiner Lesung (Roman Musik und Netznotizen) irgendwie universitär. Wie immer extrem angenehm das Podiumsgespräch mit Mathias Mertens. CD’s mit Musik aus Musik aufgelegt: von Bix Beiderbecke bis Roxy Music bis Arthur Russell bis Tweet. Dann mit Kerstin und Mathias mitten im malerischen Lüneburg Spanisch essen gegangen. Schließlich noch vor der Tür des Restaurants darüber geredet, als was die Netznotizen eines Zeitgenossen auch verstanden hätten werden können. Und von mir nicht verstanden wurden. (Werkauftrag oder Stipendium? Wie oft in der Woche schaffe ich es, mich zu Wort zu melden?)

Mittwoch schon um 7:30 Uhr per Taxi (halbes Kinderzimmer am Handgelenk) vom Hotel zum Bahnhof, in Hannover nach München umgestiegen, wo mich Michaela um 15 Uhr direkt zur F.S.K.-Probe abholte. Es ging um ein neues Arrangement für unseren 25 Jahre alten Song Moderne Welt, den der Regisseur Karl Bruckmaier mit Textzeilen Elfriede Jelineks zum musikalischen Rückgrat seines Bambiland-Hörspiels machen will. Später im Münchner Literaturhaus zur Lesung der diesjährigen Literaturstipendiaten, darunter Nora Scholz, die an dem Manuskriptum-Seminar für kreatives Schreiben, das ich im vergangenen Wintersemester an der Münchner Uni leiten durfte, teilnahm.

Donnerstag zunächst mit Michaela ihre Föhrenwald-Installation im Münchner Hofgarten gewartet (repariert), von mittags bis abends mit F.S.K. im Hörspielstudio des Bayerischen Rundfunks, unsere Musik eingespielt. Abends meinen Koffer aus Hamburg ausgepackt (den mit dem Kinderzimmer gleich ungeöffnet in den Keller). Lawine von circa 150 E-Mails ging auf mich nieder. Die dringlichsten hastig beantwortet.

Freitag von morgens bis abends mit F.S.K. im BR-Hörspielstudio. Michaela mußte Elfriede Jelineks Texte in unser Metrum quetschen. Regisseur zufrieden. Gespannt, was Frau Jelinek sagen wird. (Unseren rasanten E-Mail-Wechsel vom letzten Jahr mal wieder aufnehmen?) Einkaufen im abends noch offenen Wolfratshauser Supermarkt. (Wie heißt der Feiertag am Montag eigentlich genau? In meinem ausländischen Terminkalender ist er logisch blanko. Tag der Deutschen Einheit war ja der bundesrepublikanische Name für den 17. Juni gewesen. Dabei fällt mir noch einmal der vergangene Bundestagswahlkampf ein: Der Werbefilm der Bayernpartei als einziger sprichwörtlich antideutsch. Interessante Xenophobie, bei der auch das Deutsche unter dem Fremden firmiert.) Imbiß bei McDonald’s in Wolfratshausen: 2 Big Mac für den Preis von einem. (Gutscheine ab heute ungültig.)

Heute morgen Michaela zur Bahn gebracht (Kunstmesse in Berlin), Post gecheckt, und nun flugs an das Vorbereiten meiner kommenden Radiosendung, das heißt: viele Schallplatten durchhören, einzelne Titel auswählen, genaue Zeiten nehmen, Moderation und Musikmeldung schreiben. Dann, hoffentlich noch heute, endlich an meine Erzählungen für die Ausstellung Das 8. Feld im Museum Ludwig, Köln, 2006, die (zeitgleich zur Ausstellung) als mein neues Buch in der Edition Suhrkamp erscheinen sollen. (Wollte, sollte eigentlich schon längst einige im Kasten haben.)

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