Nr.28
25. September 2005 von Thomas MeineckeVorgestern. Der Bahnsteig in München total von Oktoberfestbesuchern beherrscht. Im Zug nach Erlangen, im Speisewagen, am benachbarten Tisch, ein Ehepaar um die 60, aus New York City, auf dem Weg nach Nürnberg; in einigen Jahren wollen sie sich eventuell in der Steiermark zur Ruhe setzen. Er ist in Deutschland geboren, sie US-Amerikanerin, spricht aber flüssiges Deutsch, redet mit ihrem Mann auch in den USA ganz viel Deutsch. Neben ihr sitzt eine Musikwissenschaftlerin auf dem Weg von Salzburg nach Weimar, zu ihrem Ehemann, jedes zweite Wochenende reist er aber auch zu ihr. Neben dem Amerikaner sitzt ein Franke, bestens gelaunt, offenbar vom Oktoberfest ausgespuckt, der von seinem Leben als Seemann erzählt. Von New York kenne er eigentlich nur die Brooklyn Bay Bridge, famoses Bauwerk, mindestens sechsspurig, gewaltige Pfeiler. 1973, dann nie wieder dort gewesen. Damals auch der Freiheitsstatue zu Kopf gestiegen. Beeindruckend das Restaurant da oben drin. Freundlich weist ihn das Ehepaar darauf hin, daß es im Haupt der Freiheitsstatue keine Restauration gebe. 1973 aber schon, er sei ja selbst drin gewesen, das sei ja schon ziemlich lange her, beharrt der Franke auf seiner Erinnerung. Kellnerin bringt dem Franken noch ein Bier; der Amerikaner schließt sich an. Heute sei Freitag, sagt der Seemann, da koste das Bier nichts. Heutzutage dürfe man nur noch in den Sockel, meint der Amerikaner. Die Freiheitsstatue eine französische Konstruktion, hat die Musikwissenschaftlerin vor kurzem irgendwo gelesen. Ein Geschenk der Franzosen, weiß die Amerikanerin zu ergänzen.
Tags darauf, auf dem Rückweg, schon der Erlanger Bahnsteig voller Leute in bayerischer Tracht, auf dem Weg zum Oktoberfest. Asymmetrische Design-Dirndl auch in Franken verbreitet. In Nürnberg steigt ein älteres Ehepaar zu, deutlich über 70, das sich hektisch englischsprachige, amerikanische Floskeln zuwirft, er im ganz harten deutschen Akzent, sie offensichtlich gebürtige Amerikanerin. Auf seiner Schirmmütze eine Schleuse des Panamakanals. Die beiden beziehen ihre Plätze in der Reihe vor mir. Andauernd weist der Mann seine Frau auf irgend etwas hin, zeigt aus dem Fenster, deutet auf Details in dem modernen Großraumwaggon; etwa das die 2. Klasse bezeichnende Signet. Jedesmal erkennt seine Frau nicht gleich, was er meint. Er daraufhin jedesmal, ungeduldig: It’s right in front of your nose. In diesem harschen Akzent, mindestens vier-, fünfmal. Als in Augsburg die mobile Brezen-Verkäuferin zusteigt, bestellt er einen Kaffee und eine Breze. Preußisch wirkendes Abrechnungsverfahren seinerseits. Die junge Verkäuferin, selbst keine Deutsche, entschuldigt sich dafür, ihn zunächst auf Englisch angesprochen zu haben. Kurz vor München bin ich ihm beim Öffnen der elektrischen Toilettentür behilflich.
Werbung:
Am Montag, 26. September 2005, 21 Uhr, lese ich gemeinsam mit Jan Frederik Bandel in der Buchhandlung Cohen & Dobernigg, Hamburg, Sternstraße 4, aus Hubert Fichtes Roman Die Palette.
Am Dienstag, 27. September 2005, 20 Uhr, lese ich im Café Ventuno auf dem Campus der Universität Lüneburg aus meinem Roman Musik, unterhalte mich mit Mathias Mertens auch über die Netznotizen und lege anschließend Tonträger wiederum aus dem Zusammenhang meines Romans
